Autor: Markus Jäger

Die Poesie der Erinnerung oder: im Schneckenhaus der Kindheit

Die Poesie der Erinnerung findet ihren Rhythmus der Selbstüberzeugung oft in schlichten Reimen. So zumindest erging es mir beim Verfassen meiner „Schnecke aus Stein“. Diese Schnecke gab es wirklich. Sie war eine große Spielfigur in einem Garten im Innsbrucker Olympischen Dorf, wo die Kindergartenkinder Ende der 1970er ihre ersten Schritte in sozialer Kompetenz zu lernen versuchten. Auf dieser Schnecke durften wir herumklettern. Und wir konnten uns im Schneckenhaus verstecken. Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens führt mich in eben dieses Schneckenhaus. Wobei ich mich nicht im Zuge eines klassischen Versteckspiels darin verkroch. Um zu sehen, ob mich jemand finden würde. …

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Der Wellenreiter oder: Sehnsucht macht weiter

Auch die Literatur findet immer öfter zur Erkenntnis, dass das ewigste aller Sujets genauso bunt sein darf wie das Leben selbst. Daniel Sebastian Lange ist ein Erzähler, der sein literarisches Alter Ego auf die Suche nach Liebe schickt und vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine schwule Coming-of-Age Geschichte, die einen verblüffend universellen Tonfall findet. In dieser Geschichte können sich Männer und Frauen, egal welcher Orientierung, gleichermaßen wiederfinden. Daniel Sebastian erlebt den emotionalen und sexuellen Wellengang des Chaos, wie wir ihn letztlich alle gut kennen. Wer Liebe als Markt definiert, macht Liebe zu einem Wegwerfprodukt. Er reflektiert in einer Art Tagebuch …

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Lesen und Leben oder: Wir alle sind Helden

Noch bevor ich in die Schule kam, brachte ich mir selbst das Lesen bei, indem ich meiner älteren Schwester bei ihren Hausaufgaben über die Schulter sah. Seit damals hat das Lesen für mich eine synonyme Bedeutung wie leben. Lesend lernte ich das Leben zu erkennen, zu ergreifen und zu genießen. Mit dieser Lektion über das Lesen kam auch bald die Leidenschaft fürs Schreiben. Denn dadurch vermochte ich das Leben auch zu erzählen. Ich erinnere mich an das Verfassen einer Kurzgeschichte 1988, ich war gerade mal zwölf Jahre alt. Damals konnte ich es kaum glauben, dass mein Deutschlehrer in der Musikhauptschule …

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Die unerklärliche Logik des Lebens

Ich mochte unsere Familie. Aber vielleicht steckt hinter dem Wort Familie ja überhaupt keine Logik. Um ganz ehrlich zu sein, Familie ist nicht immer so ein gutes Wort. (S. 50)   Das letzte Schuljahr ist beliebtes Sujet für Coming-of-age-Romane jeder Couleur. Für Geschichten, in denen oftmals einerseits manipulativ jugendliche Angst aufgebaut werden soll, was die ungewisse Zukunft betrifft, oder in denen naive Illusionen zu rosaroten Fantasy-Wattewolken der werden, in denen junge Menschen vor der Wirklichkeit versteckt werden sollen. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Thienemann, 2017) umschifft beide Klippen mit verblüffender narrativer Eleganz. Sal ist der Held dieser Geschichte und taumelt …

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Wie die Sonne aussieht

(in Erinnerung an Matthew Shepard)   Das Makeup allzu menschlicher Selbstverleugnung wird oft dick aufgetragen. Denn als Clown lebt es sich leichter. Zumeist als trauriger Pierrot. Das eigene Gesicht darf niemand sehen. Also gilt es zu schauspielern. Das ganze Leben wird zur Show. Die Show muss weitergehen. Der Vorhang hebt sich. Wenn ich gut bin, bekomme ich Applaus. Und diese Vorstellung dauert an. Auf ewig? Ich bin auf einer Bühne und flüchte mich in eine Rolle, die ohne Fragen auskommt. Wie werden meine Eltern mit mir umgehen? Wenn all ihre Vorstellungen für mich nicht nur Vorstellungen, sondern vor allem IHRE …

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Über die Homosexualität der Weltgeschichte

„Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.“ (Levitikus 20, 13) Wichtigster Antrieb intellektueller Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Streben nach Wahrheit. Wissenschaftler, die sich nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen, sind zumeist weltanschauliche Bauernfänger. Authentische Forschung sucht Wahrheit dort, wo das Leben zu finden ist und nicht dort, wo Ideologien wie schlecht gemischter Brotteig geknetet werden, der im Kellerdunst nicht enden wollender Tötungsfantasien vergammelt. Dem biblischen Befehl „Beide werden mit dem Tod bestraft!“ wurde von Seiten patriarchaler Religionen und ihrer politischen Geschwüre im Laufe …

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Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, wirkt die Diagnose, dass die Knochen der eigenen Halswirbelsäule einen ungesunden Eigensinn an den Tag legen, schon mal mit einer ordentlichen Portion emotionaler Ambivalenz. Wenn ein rastloser Radiologe mit Schweißperlen auf der Stirn („Ich versteh das nicht! Ich versteh das nicht!“) dann „dringend“ dazu rät, „am besten sofort“ zum Hausarzt zurück zu marschieren und dieser nach einem Telefonat mit dem Radiologen nicht minder nervös mit der Spritze für die nächste Blutuntersuchung auf einen zuspringt, weiß man: hier könnte sich ein größeres Problem vor einem aufplustern. Wenn Erinnerungen an …

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Connie Palmen wird zu Ted Hughes oder: die Wahrheit der Liebe

Connie Palmen taucht in „Du sagst es“ einmal mehr in stürmischen Gewässern bis an den Grund der Liebe. Wobei es auch bei diesem Tauchgang nicht einfach nur um Romantik, Sex oder sonstige idealisierte und kommerzialisierte Vorstellungen des schönsten Literaturthemas geht. In ihrem bislang besten Buch nimmt die Autorin eine männliche Perspektive ein. Und wächst dabei literarisch so weit über sich hinaus, dass man tatsächlich glaubt, mit einem Mann zu sprechen. Die Bekenntnisse in diesem wunderbaren Roman kommen vom englischen Dichter Ted Hughes. Sylvia Plath (1932 bis 1963) und Ted Hughes (1930 bis 1998) gelten bis heute als tragischstes und innigstes …

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Die Lust an der Apokalypse

Vor 80 Jahren hat meine Großmutter als junge Bäuerin beim Dorfbrunnen auf das wollüstige Sabbern ihrer Nachbarinnen „Hast du schon gehört? Der Führer kommt an die Front!“ lautstark protestierend geantwortet: „Wenn unsere Männer kämpfen, ist es um ihn auch nicht schade!“ Das war ihre Art des Widerstandes in einer Zeit der Angst. Sie wurde flugs denunziert und inhaftiert. Wäre sie nicht schwanger gewesen, wäre sie ins KZ gekommen. Ein Satz. Und ich hätte fast nicht existiert. In der Kubakrise vor über 50 Jahren stand die Welt nur wenige Augenblicke vor einem Atomkrieg. Die Generation meiner Eltern kann sich gut daran …

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Liebe beginnt mit Loyalität

Jugendliteratur ist tendenziell immer eine Literatur über die Suche nach Identität. Egal, wie viele Zauberlehrlinge und Drachenkämpferinnen sich Zauberstab-und-Schwertschwingend durch ihre Geschichten kämpfen. Egal, wie oft das Böse auf die allübliche Weise mit dem Guten ringt. Vor allem aber sollen coming-of-age-Geschichten Jugendlichen dabei helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Wenn wir sie schon im realen Leben als Erwachsene systematisch dran zu hindern versuchen – können sie es zumindest in und mit Geschichten versuchen. Denn letztlich sind immer Erwachsene schuld daran, dass jungen Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung Steine vor die Füße geworfen werden. Wenn man deshalb als Teenager …

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