Autor: Markus Jäger

Unter der Sonne: Geburt zweier Helden

Ich blicke aus dem Fenster und betrachte die Herbstsonne mit literarischer Nostalgie. Diese Stimmung erinnert mich an einen Ausflug nach Wien vor fünf Jahren. Als ich unter einer ebensolchen Sonne auf einer Bank am Heldenplatz saß und über mein Schreiben nachdachte. Mehr als alles andere wollte ich einen Roman schreiben. Und beschloss damals die Handlung meines Romans auf eben jener Bank zu eröffnen. Zwei Menschen treffen genau hier auf dieser Bank aufeinander und ganz egal, welche historischen Verwicklungen auf diesem Platz die Geschichte nachhaltig und traumatisierend prägten, ging es in diesem Moment nur um die Begegnung zweier Liebender. Denn mir …

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Mein Abschied von Sozialen Medien oder: die Sehnsucht nach Stille

Die 2010er Jahre waren auch für mich geprägt von einem Glauben. Dem Glauben an die Bedeutung jener Vernetzung, die andere mir als einzig wahre Möglichkeit suggerierten. Auch ich habe Soziale Medien aus nur einem Grund konsumiert. Weil alle es gemacht haben. Ich habe sie privat wie auch beruflich genutzt. Ich habe von einem Account zum nächsten geglaubt nichts sei so wichtig als Teil von etwas zu sein, das mir auch nach zehn Jahren nicht sympathischer wurde. Der Anspruch war Menschen näher zusammenzubringen. Zumindest habe ich das in meiner Einfalt so in Erinnerung. Wer glaubt, dass Soziale Medien diesen Anspruch erfüllen, …

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Schritte im Schnee

Es gibt Momente, da höre und spüre ich in Gedanken noch heute das Knirschen meiner Schuhe auf dem Streusand im Schneematsch, als ich den winterlichen Dorfweg Richtung Haus gehe. Ich komme von einem Spaziergang. Plötzlich sehe ich den Rettungswagen vor dem Haus. Ich beginne zu laufen. Die panische Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt und man noch nicht weiß, was genau passiert war, wird erneut zur Begegnung mit einem Gespenst. In meinem Denken bläht sich die Frage auf: Was würde mir dieser Moment gleich antun? Die Frage platzt mit der Information meiner Tante, die mir vor dem Haus aufgewühlt entgegenspringt und …

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Über die Homosexualität der Weltgeschichte

„Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.“ (Levitikus 20, 13) Wichtigster Antrieb intellektueller Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Streben nach Wahrheit. Wissenschaftler, die sich nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen, sind zumeist weltanschauliche Bauernfänger. Authentische Forschung sucht Wahrheit dort, wo das Leben zu finden ist und nicht dort, wo Ideologien wie schlecht gemischter Brotteig geknetet werden, der im Kellerdunst nicht enden wollender Tötungsfantasien vergammelt. Dem biblischen Befehl „Beide werden mit dem Tod bestraft!“ wurde von Seiten patriarchaler Religionen und ihrer politischen Geschwüre im Laufe …

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Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, wirkt die Diagnose, dass die Knochen der eigenen Halswirbelsäule einen ungesunden Eigensinn an den Tag legen, schon mal mit einer ordentlichen Portion emotionaler Ambivalenz. Wenn ein rastloser Radiologe mit Schweißperlen auf der Stirn („Ich versteh das nicht! Ich versteh das nicht!“) dann „dringend“ dazu rät, „am besten sofort“ zum Hausarzt zurück zu marschieren und dieser nach einem Telefonat mit dem Radiologen nicht minder nervös mit der Spritze für die nächste Blutuntersuchung auf einen zuspringt, weiß man: hier könnte sich ein größeres Problem vor einem aufplustern. Wenn Erinnerungen an …

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Connie Palmen wird zu Ted Hughes oder: die Wahrheit der Liebe

Connie Palmen taucht in „Du sagst es“ einmal mehr in stürmischen Gewässern bis an den Grund der Liebe. Wobei es auch bei diesem Tauchgang nicht einfach nur um Romantik, Sex oder sonstige idealisierte und kommerzialisierte Vorstellungen des schönsten Literaturthemas geht. In ihrem bislang besten Buch nimmt die Autorin eine männliche Perspektive ein. Und wächst dabei literarisch so weit über sich hinaus, dass man tatsächlich glaubt, mit einem Mann zu sprechen. Die Bekenntnisse in diesem wunderbaren Roman kommen vom englischen Dichter Ted Hughes. Sylvia Plath (1932 bis 1963) und Ted Hughes (1930 bis 1998) gelten bis heute als tragischstes und innigstes …

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Liebe beginnt mit Loyalität

Jugendliteratur ist tendenziell immer eine Literatur über die Suche nach Identität. Egal, wie viele Zauberlehrlinge und Drachenkämpferinnen sich Zauberstab-und-Schwertschwingend durch ihre Geschichten kämpfen. Egal, wie oft das Böse auf die allübliche Weise mit dem Guten ringt. Vor allem aber sollen coming-of-age-Geschichten Jugendlichen dabei helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Wenn wir sie schon im realen Leben als Erwachsene systematisch dran zu hindern versuchen – können sie es zumindest in und mit Geschichten versuchen. Denn letztlich sind immer Erwachsene schuld daran, dass jungen Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung Steine vor die Füße geworfen werden. Wenn man deshalb als Teenager …

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„Helden für immer“ auf der Shortlist für den DELIA Literaturpreis!

Feedback zu meinem Herzensprojekt geht mir naturgemäß zu Herzen. Ob via E-Mail oder Social-Media Nachrichten, für die sich Menschen extra Zeit nehmen, um mir mitzuteilen, wie sehr ihnen meine Geschichte von Felix und Kilian gefallen hat. Ob auf riesigen LGBT-Online-Netzwerken oder auf Queer Literatur Blogs. Ob in renommierten Literaturhäusern oder beim Rennen um Literaturpreise. Felix und Kilian berühren die Menschen und um nichts anderes ging es mir beim Schreiben. Hier einige der Reaktionen: Auf der Shortlist für den DELIA-Literatpreis! Seit kurzem steht fest, dass mein Roman „Helden für immer“ mit im Rennen um die Auszeichnung „bester deutschsprachiger Liebesroman“ ist! Ich …

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Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Die Wiener Stadthalle wirkt wie ein utopischer Kinosaal der Siebziger Jahre. Der rubinrote Farbton am Boden, an den Wänden und an den Kinosesseln erweckt ein Wohlgefühl zwischen dem Unterhaltungsfaktor des neuesten Box Office Hits und einer notenfreien Vorlesung in internationaler Politik. Ganz ohne intellektuelle Selbstbeweihräucherung bei den üblichen komplexbeladenen Ritualen in versteckten Elfenbeinturmkämmerchen selbsternannter Eliten. Die Bühne ist so schlicht, dass keinerlei Ablenkung eine Distanz zwischen Publikum und Band zu schaffen vermag. Der schwarze Vorhang sorgt dafür, dass das Hauptaugenmerk sofort auf die Mitte der Bühne gerichtet wird, wo die Instrumente eine verblüffende Lässigkeit ausstrahlen. Der Eindruck einer aufgeräumten Garage …

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