Autor: Markus Jäger

Schritte im Schnee

Es gibt Momente, da höre und spüre ich in Gedanken noch heute das Knirschen meiner Schuhe auf dem Streusand im Schneematsch, als ich den winterlichen Dorfweg Richtung Haus gehe. Ich komme von einem Spaziergang. Plötzlich sehe ich den Rettungswagen vor dem Haus. Ich beginne zu laufen. Die panische Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt und man noch nicht weiß, was genau passiert war, wird erneut zur Begegnung mit einem Gespenst. In meinem Denken bläht sich die Frage auf: Was würde mir dieser Moment gleich antun? Die Frage platzt mit der Information meiner Tante, die mir vor dem Haus aufgewühlt entgegenspringt und …

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Freiheit fällt nicht vom Himmel

Ich wurde von der Tiroler Tagezeitung um einen Kommentar zur Causa Alice Schwarzer an der Kunstuni Wien gebeten. Ich habe einen „Brief an Tirol“ verfasst, in dem ich der Frage nachgehe, ob wir die Gesellschaft tatsächlich verbessern, wenn wir uns dauerhaft in „Safe Spaces“ verstecken. Erschienen am Sonntag, 5. Jänner 2020.  

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Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, wirkt die Diagnose, dass die Knochen der eigenen Halswirbelsäule einen ungesunden Eigensinn an den Tag legen, schon mal mit einer ordentlichen Portion emotionaler Ambivalenz. Wenn ein rastloser Radiologe mit Schweißperlen auf der Stirn („Ich versteh das nicht! Ich versteh das nicht!“) dann „dringend“ dazu rät, „am besten sofort“ zum Hausarzt zurück zu marschieren und dieser nach einem Telefonat mit dem Radiologen nicht minder nervös mit der Spritze für die nächste Blutuntersuchung auf einen zuspringt, weiß man: hier könnte sich ein größeres Problem vor einem aufplustern. Wenn Erinnerungen an …

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„Helden für immer“ auf der Shortlist für den DELIA Literaturpreis!

Feedback zu meinem Herzensprojekt geht mir naturgemäß zu Herzen. Ob via E-Mail oder Social-Media Nachrichten, für die sich Menschen extra Zeit nehmen, um mir mitzuteilen, wie sehr ihnen meine Geschichte von Felix und Kilian gefallen hat. Ob auf riesigen LGBT-Online-Netzwerken oder auf Queer Literatur Blogs. Ob in renommierten Literaturhäusern oder beim Rennen um Literaturpreise. Felix und Kilian berühren die Menschen und um nichts anderes ging es mir beim Schreiben. Hier einige der Reaktionen: Auf der Shortlist für den DELIA-Literatpreis! Seit kurzem steht fest, dass mein Roman „Helden für immer“ mit im Rennen um die Auszeichnung „bester deutschsprachiger Liebesroman“ ist! Ich …

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Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Die Wiener Stadthalle wirkt wie ein utopischer Kinosaal der Siebziger Jahre. Der rubinrote Farbton am Boden, an den Wänden und an den Kinosesseln erweckt ein Wohlgefühl zwischen dem Unterhaltungsfaktor des neuesten Box Office Hits und einer notenfreien Vorlesung in internationaler Politik. Ganz ohne intellektuelle Selbstbeweihräucherung bei den üblichen komplexbeladenen Ritualen in versteckten Elfenbeinturmkämmerchen selbsternannter Eliten. Die Bühne ist so schlicht, dass keinerlei Ablenkung eine Distanz zwischen Publikum und Band zu schaffen vermag. Der schwarze Vorhang sorgt dafür, dass das Hauptaugenmerk sofort auf die Mitte der Bühne gerichtet wird, wo die Instrumente eine verblüffende Lässigkeit ausstrahlen. Der Eindruck einer aufgeräumten Garage …

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Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Die IG Autorinnen und Autoren Tirol feierte kürzlich ihr 30jähriges Bestehen. Mit der Publikation einer Anthologie und einer Lesung. Unter dem Titel „Über die Jahre“ haben 47 Tiroler AutorInnen sich in Geschichten und Gedichten erinnert. An ganz besondere Wendepunkte, Ereignisse, Menschen, Erfahrungen. „Sie beobachten und reflektieren, sie vermengen Realität und Fiktion. Sie berichten und verdichten“ heißt es auf dem Buchrücken. Vom wunderen Sujet „Erinnerungen“ motiviert, durfte auch ich zwei Texte dazu beitragen. Meine beiden Gedichte „Zeit im Sand III“ und „Zeit im Sand V“ sind Auszüge eines kleinen lyrischen Zyklus, der den wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben zum Thema hat. …

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„Helden für immer“ und die Ehe für alle

Meine „Helden für immer“ lernen sich 1936 als junge Männer am Wiener Heldenplatz kennen und ich begleite sie in meinem Roman durch ihr ganzes gemeinsames Leben. Neben zahlreichen spannenden Wendepunkten in ihrer Geschichte vor dem Hintergrund der Veränderungen im 20. Jahrhundert stellt sich vor allem die Frage, ob sie noch zu ihren Lebenszeiten jene Freiheit erreichen werden, die wir heute unser Eigen nennen dürfen. Im Dezember 2017 verlautbarte der Österreichische Verfassungsgerichtshof, dass alle Paare – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – eine zivilrechtliche Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft eingehen können. Ein ganzes Jahr hat die aktuelle rechtskonservative Regierung zusammen mit …

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Kunst und Politik im Garten

in Erinnerung an Erich Fried (6. Mai 1921 bis 22. November 1988)    Die Beziehung zwischen Kunst und Politik erscheint wie eine zwischenmenschliche Beziehung: sie zeigt sich in zahllosen Dimensionen. Es gibt jene, die die Kunst zu vereinnahmen versuchen, um ihre – meist menschenunwürdige – Politik zu betreiben. Dabei gehen Kunst und Politik eine Beziehung ein wie ein braver katholischer inzestuöser Familienvater mit seiner eignen Tochter, die von ihm zur Geburt von sieben künftigen Pensionszahlern gezwungen wird. Viele missbrauchte Dichter kommen bis zum heutigen Tag zu dem Schluss – wer schweigt, überlebt. Es gibt aber auch jene, die die Politik …

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Heldenhaftes Österreich

Die Überzeugungskraft meiner beiden „Helden für immer“ verblüfft mich auch als Autor manchmal. Wenn etwa Leserinnen und Leser sich mitten in der Nacht die Mühe machen, meinen Namen auf Social-Media-Kanälen zu suchen und mir zu schreiben, dass sie gerade bei der Lektüre meines Buches sind und nicht aufhören können zu lesen. Wenn ich Privatnachrichten Fremder erhalte: „Gerade mit dem Lesen fertig geworden. Tränen in den Augen.“ Wenn mir Besucherinnen und Besucher meiner Lesungen erzählen: „Am Ende wollte ich gar nicht wahrhaben, dass die Geschichte jetzt aus ist.“ Oder aber auch, wenn Kolleginnen plötzlich aufgeregt im Büro vor mir stehen und …

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Markus Jäger mit Verleger Jim Baker auf der Frankfurter Buchmesse / Foto: Marc Lippuner, Querverlag

Felix und Kilian auf der Frankfurter Buchmesse

Ich erlebte meinen ersten Besuch der Frankfurter Buchmesse geprägt von einer seltsamen Erinnerung. Ich ließ mich von den Menschenmassen durch die Gänge tragen und versuchte auf diese Weise und Wellen so zu surfen, dass ich den Stand meines Verlages möglichst bald fand. Der Querverlag empfing mich mit der üblichen literarischen Begeisterung und Fröhlichkeit und ich ließ mir von ihren Eindrücken der letzten Tage berichten und mir erzählen, worin die Signifikanz dieses spektakulären Netzwerkens im Namen der Literatur liegt. Ich trug mein Buch und meine Unterlagen in der neuen Stofftasche unserer neuen Stadtbibliothek, die ich mehrmals ungläubig betrachtete. Es war und …

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