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Ein Spiel spielen

Der stolze Vater erzählt mir, dass seine Tochter gerade mal zwei Jahre alt ist. Die junge Dame schaut mich mit einem Blick surrealer Lebensweisheit an. Die Spieleschachtel ist leer und sie weiß, dass sie von mir die Teile zum Spielen bekommt. Ihr Vater ist ein sanfter junger Mann von vielleicht dreißig Jahren, eine große attraktive dunkelhaarige Erscheinung, sichtlich geprägt von einem Schuldgefühl gut auszusehen. Er will nicht auffallen. Weil nur seine Tochter zählt. Die Fingerchen auf der Tischkante meines niedrigen Schreibtisches verblüffen mich. Dieser kleine Mensch hier packt schon jetzt gern selbst an. Eine Zielstrebigkeit, die auf eine gute Zukunft …

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Was Heimat bedeutet – Julya Rabinowich ist Madina ist „Dazwischen: ich“

„Ich will lieber etwas Schönes schreiben. Etwas, das ich mag. Zum Beispiel mein langes Haar. Um das haben mich schon viele beneidet, auch früher Zuhause.“   Zwischen diesen Zeilen schwingt nicht nur der Widerstand einer mitreißenden jugendlichen Heldin, sondern auch jener Motivation, die aktuell einem ganzen Kontinent zu fehlen scheint: dem Willen auch das Schöne zu sehen. Ihr Zuhause hat die 15-jährige Madina verloren. Und doch will sie über etwas Schönes schreiben. Eine Fähigkeit, die ihre Haare am Ende der Geschichte zu einer Metapher der Freiheit werden lässt. Julya Rabinowich erzählt in ihrem ersten Jugendroman eine Fluchtgeschichte, die dem dahinter …

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Die Poesie der Erinnerung oder: im Schneckenhaus der Kindheit

Die Poesie der Erinnerung findet ihren Rhythmus der Selbstüberzeugung oft in schlichten Reimen. So zumindest erging es mir beim Verfassen meiner „Schnecke aus Stein“. Diese Schnecke gab es wirklich. Sie war eine große Spielfigur in einem Garten im Innsbrucker Olympischen Dorf, wo die Kindergartenkinder Ende der 1970er ihre ersten Schritte in sozialer Kompetenz zu lernen versuchten. Auf dieser Schnecke durften wir herumklettern. Und wir konnten uns im Schneckenhaus verstecken. Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens führt mich in eben dieses Schneckenhaus. Wobei ich mich nicht im Zuge eines klassischen Versteckspiels darin verkroch. Um zu sehen, ob mich jemand finden würde. …

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Der Wellenreiter oder: Sehnsucht macht weiter

Auch die Literatur findet immer öfter zur Erkenntnis, dass das ewigste aller Sujets genauso bunt sein darf wie das Leben selbst. Daniel Sebastian Lange ist ein Erzähler, der sein literarisches Alter Ego auf die Suche nach Liebe schickt und vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine schwule Coming-of-Age Geschichte, die einen verblüffend universellen Tonfall findet. In dieser Geschichte können sich Männer und Frauen, egal welcher Orientierung, gleichermaßen wiederfinden. Daniel Sebastian erlebt den emotionalen und sexuellen Wellengang des Chaos, wie wir ihn letztlich alle gut kennen. Wer Liebe als Markt definiert, macht Liebe zu einem Wegwerfprodukt. Er reflektiert in einer Art Tagebuch …

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Lesen und Leben oder: Wir alle sind Helden

Noch bevor ich in die Schule kam, brachte ich mir selbst das Lesen bei, indem ich meiner älteren Schwester bei ihren Hausaufgaben über die Schulter sah. Seit damals hat das Lesen für mich eine synonyme Bedeutung wie leben. Lesend lernte ich das Leben zu erkennen, zu ergreifen und zu genießen. Mit dieser Lektion über das Lesen kam auch bald die Leidenschaft fürs Schreiben. Denn dadurch vermochte ich das Leben auch zu erzählen. Ich erinnere mich an das Verfassen einer Kurzgeschichte 1988, ich war gerade mal zwölf Jahre alt. Damals konnte ich es kaum glauben, dass mein Deutschlehrer in der Musikhauptschule …

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Die unerklärliche Logik des Lebens

Ich mochte unsere Familie. Aber vielleicht steckt hinter dem Wort Familie ja überhaupt keine Logik. Um ganz ehrlich zu sein, Familie ist nicht immer so ein gutes Wort. (S. 50)   Das letzte Schuljahr ist beliebtes Sujet für Coming-of-age-Romane jeder Couleur. Für Geschichten, in denen oftmals einerseits manipulativ jugendliche Angst aufgebaut werden soll, was die ungewisse Zukunft betrifft, oder in denen naive Illusionen zu rosaroten Fantasy-Wattewolken der werden, in denen junge Menschen vor der Wirklichkeit versteckt werden sollen. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Thienemann, 2017) umschifft beide Klippen mit verblüffender narrativer Eleganz. Sal ist der Held dieser Geschichte und taumelt …

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Wie die Sonne aussieht

(in Erinnerung an Matthew Shepard)   Das Makeup allzu menschlicher Selbstverleugnung wird oft dick aufgetragen. Denn als Clown lebt es sich leichter. Zumeist als trauriger Pierrot. Das eigene Gesicht darf niemand sehen. Also gilt es zu schauspielern. Das ganze Leben wird zur Show. Die Show muss weitergehen. Der Vorhang hebt sich. Wenn ich gut bin, bekomme ich Applaus. Und diese Vorstellung dauert an. Auf ewig? Ich bin auf einer Bühne und flüchte mich in eine Rolle, die ohne Fragen auskommt. Wie werden meine Eltern mit mir umgehen? Wenn all ihre Vorstellungen für mich nicht nur Vorstellungen, sondern vor allem IHRE …

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