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Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Die Wiener Stadthalle wirkt wie ein utopischer Kinosaal der Siebziger Jahre. Der rubinrote Farbton am Boden, an den Wänden und an den Kinosesseln erweckt ein Wohlgefühl zwischen dem Unterhaltungsfaktor des neuesten Box Office Hits und einer notenfreien Vorlesung in internationaler Politik. Ganz ohne intellektuelle Selbstbeweihräucherung bei den üblichen komplexbeladenen Ritualen in versteckten Elfenbeinturmkämmerchen selbsternannter Eliten. Die Bühne ist so schlicht, dass keinerlei Ablenkung eine Distanz zwischen Publikum und Band zu schaffen vermag. Der schwarze Vorhang sorgt dafür, dass das Hauptaugenmerk sofort auf die Mitte der Bühne gerichtet wird, wo die Instrumente eine verblüffende Lässigkeit ausstrahlen. Der Eindruck einer aufgeräumten Garage …

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Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Die IG Autorinnen und Autoren Tirol feierte kürzlich ihr 30jähriges Bestehen. Mit der Publikation einer Anthologie und einer Lesung. Unter dem Titel „Über die Jahre“ haben 47 Tiroler AutorInnen sich in Geschichten und Gedichten erinnert. An ganz besondere Wendepunkte, Ereignisse, Menschen, Erfahrungen. „Sie beobachten und reflektieren, sie vermengen Realität und Fiktion. Sie berichten und verdichten“ heißt es auf dem Buchrücken. Vom wunderen Sujet „Erinnerungen“ motiviert, durfte auch ich zwei Texte dazu beitragen. Meine beiden Gedichte „Zeit im Sand III“ und „Zeit im Sand V“ sind Auszüge eines kleinen lyrischen Zyklus, der den wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben zum Thema hat. …

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Die Liebe aus den Fugen oder: wer alles will, will nichts

Sven Hillenkamp ist Politologe, Soziologe und Historiker. Und er ist auf allen drei Ebenen auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Wie hält es die Gegenwart mit der Liebe?“ Die Antwort, die er in seinem viel diskutierten Buch „Das Ende der Liebe“ findet, klingt pessimistisch. Die Liebe hat ausgedient. Weil die Liebe nur noch zu dienen hat. Die globalisierte Gegenwart mit all ihren grenzenlosen Möglichkeiten führt sich dadurch selbst ad absurdum. Sie grenzt uns ein. Auf unsere grenzenlose Freiheit. Wir sind nur noch dabei, die Liebe zu versuchen und wissen beim Versuch, dass ein nächster Versuch noch besseres …

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„Helden für immer“ und die Ehe für alle

Meine „Helden für immer“ lernen sich 1936 als junge Männer am Wiener Heldenplatz kennen und ich begleite sie in meinem Roman durch ihr ganzes gemeinsames Leben. Neben zahlreichen spannenden Wendepunkten in ihrer Geschichte vor dem Hintergrund der Veränderungen im 20. Jahrhundert stellt sich vor allem die Frage, ob sie noch zu ihren Lebenszeiten jene Freiheit erreichen werden, die wir heute unser Eigen nennen dürfen. Im Dezember 2017 verlautbarte der Österreichische Verfassungsgerichtshof, dass alle Paare – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – eine zivilrechtliche Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft eingehen können. Ein ganzes Jahr hat die aktuelle rechtskonservative Regierung zusammen mit …

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Leben und lernen oder: warum es gut ist, dass es gut ist

Im Frühjahr 2016 stand ich am Bahnhof und bekam wie aus dem Nichts Schweißausbrüche, Herzrasen und erste Anflüge einer Panikattacke. Im Zug saß ich überaus missmutig und ausgebrannt, mich selbst nur halbherzig beruhigend, und realisierte, dass ich mit Job, Nebenjob und Schreiben zwei Jahre lang ca. 80 Stunden in der Woche gearbeitet habe. Ein Ausflug nach Stockholm kurze Zeit später wurde zu einem lang überfälligen und heiß ersehnten Tapetenwechsel. Gemütliche Abende mit lieben Freundinnen und Freunden wurden wieder wichtiger für mich. Ich begann eine Therapie und fand eine ganz neue Qualität psychologischer Selbstvergewisserung. Veränderung beginnt als Klischee – nämlich in …

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Kunst und Politik im Garten

in Erinnerung an Erich Fried (6. Mai 1921 bis 22. November 1988)    Die Beziehung zwischen Kunst und Politik erscheint wie eine zwischenmenschliche Beziehung: sie zeigt sich in zahllosen Dimensionen. Es gibt jene, die die Kunst zu vereinnahmen versuchen, um ihre – meist menschenunwürdige – Politik zu betreiben. Dabei gehen Kunst und Politik eine Beziehung ein wie ein braver katholischer inzestuöser Familienvater mit seiner eignen Tochter, die von ihm zur Geburt von sieben künftigen Pensionszahlern gezwungen wird. Viele missbrauchte Dichter kommen bis zum heutigen Tag zu dem Schluss – wer schweigt, überlebt. Es gibt aber auch jene, die die Politik …

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Heldenhaftes Österreich

Die Überzeugungskraft meiner beiden „Helden für immer“ verblüfft mich auch als Autor manchmal. Wenn etwa Leserinnen und Leser sich mitten in der Nacht die Mühe machen, meinen Namen auf Social-Media-Kanälen zu suchen und mir zu schreiben, dass sie gerade bei der Lektüre meines Buches sind und nicht aufhören können zu lesen. Wenn ich Privatnachrichten Fremder erhalte: „Gerade mit dem Lesen fertig geworden. Tränen in den Augen.“ Wenn mir Besucherinnen und Besucher meiner Lesungen erzählen: „Am Ende wollte ich gar nicht wahrhaben, dass die Geschichte jetzt aus ist.“ Oder aber auch, wenn Kolleginnen plötzlich aufgeregt im Büro vor mir stehen und …

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Das Porträt einer Unbeugsamen als Geschichte einer grossen Möglichkeit

  Joan Baez und ihre Stimme gegen Gewalt   Über Joan Baez zu lesen führt nahezu immer zur Lektüre einer großen Hoffnung. Einer Hoffnung, die weder die Künstlerin und Aktivistin selbst noch ihr Publikum ganz aufgeben wollen. Auch wenn sie immer wieder in weite Ferne rückt. Die Hoffnung auf eine Welt, die den Wahnsinn vielleicht doch irgendwann zu überwinden vermag. Dann beginnen wir zu verstehen, was Baez meint, wenn sie von kleinen Siegen und großen Niederlagen spricht. Siege und Niederlagen, die ihr künstlerisches und politisch-aktives Leben zur Genüge kennt. Die 1941 geborene Sängerin war nämlich nie nur eine Stimme für …

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Markus Jäger mit Verleger Jim Baker auf der Frankfurter Buchmesse / Foto: Marc Lippuner, Querverlag

Felix und Kilian auf der Frankfurter Buchmesse

Ich erlebte meinen ersten Besuch der Frankfurter Buchmesse geprägt von einer seltsamen Erinnerung. Ich ließ mich von den Menschenmassen durch die Gänge tragen und versuchte auf diese Weise und Wellen so zu surfen, dass ich den Stand meines Verlages möglichst bald fand. Der Querverlag empfing mich mit der üblichen literarischen Begeisterung und Fröhlichkeit und ich ließ mir von ihren Eindrücken der letzten Tage berichten und mir erzählen, worin die Signifikanz dieses spektakulären Netzwerkens im Namen der Literatur liegt. Ich trug mein Buch und meine Unterlagen in der neuen Stofftasche unserer neuen Stadtbibliothek, die ich mehrmals ungläubig betrachtete. Es war und …

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