Kategorie: #DasguteBuch

Die Poesie der Erinnerung oder: im Schneckenhaus der Kindheit

Die Poesie der Erinnerung findet ihren Rhythmus der Selbstüberzeugung oft in schlichten Reimen. So zumindest erging es mir beim Verfassen meiner „Schnecke aus Stein“. Diese Schnecke gab es wirklich. Sie war eine große Spielfigur in einem Garten im Innsbrucker Olympischen Dorf, wo die Kindergartenkinder Ende der 1970er ihre ersten Schritte in sozialer Kompetenz zu lernen versuchten. Auf dieser Schnecke durften wir herumklettern. Und wir konnten uns im Schneckenhaus verstecken. Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens führt mich in eben dieses Schneckenhaus. Wobei ich mich nicht im Zuge eines klassischen Versteckspiels darin verkroch. Um zu sehen, ob mich jemand finden würde. …

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Der Wellenreiter oder: Sehnsucht macht weiter

Auch die Literatur findet immer öfter zur Erkenntnis, dass das ewigste aller Sujets genauso bunt sein darf wie das Leben selbst. Daniel Sebastian Lange ist ein Erzähler, der sein literarisches Alter Ego auf die Suche nach Liebe schickt und vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine schwule Coming-of-Age Geschichte, die einen verblüffend universellen Tonfall findet. In dieser Geschichte können sich Männer und Frauen, egal welcher Orientierung, gleichermaßen wiederfinden. Daniel Sebastian erlebt den emotionalen und sexuellen Wellengang des Chaos, wie wir ihn letztlich alle gut kennen. Wer Liebe als Markt definiert, macht Liebe zu einem Wegwerfprodukt. Er reflektiert in einer Art Tagebuch …

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Lesen und Leben oder: Wir alle sind Helden

Noch bevor ich in die Schule kam, brachte ich mir selbst das Lesen bei, indem ich meiner älteren Schwester bei ihren Hausaufgaben über die Schulter sah. Seit damals hat das Lesen für mich eine synonyme Bedeutung wie leben. Lesend lernte ich das Leben zu erkennen, zu ergreifen und zu genießen. Mit dieser Lektion über das Lesen kam auch bald die Leidenschaft fürs Schreiben. Denn dadurch vermochte ich das Leben auch zu erzählen. Ich erinnere mich an das Verfassen einer Kurzgeschichte 1988, ich war gerade mal zwölf Jahre alt. Damals konnte ich es kaum glauben, dass mein Deutschlehrer in der Musikhauptschule …

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Die unerklärliche Logik des Lebens

Ich mochte unsere Familie. Aber vielleicht steckt hinter dem Wort Familie ja überhaupt keine Logik. Um ganz ehrlich zu sein, Familie ist nicht immer so ein gutes Wort. (S. 50)   Das letzte Schuljahr ist beliebtes Sujet für Coming-of-age-Romane jeder Couleur. Für Geschichten, in denen oftmals einerseits manipulativ jugendliche Angst aufgebaut werden soll, was die ungewisse Zukunft betrifft, oder in denen naive Illusionen zu rosaroten Fantasy-Wattewolken der werden, in denen junge Menschen vor der Wirklichkeit versteckt werden sollen. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Thienemann, 2017) umschifft beide Klippen mit verblüffender narrativer Eleganz. Sal ist der Held dieser Geschichte und taumelt …

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Über die Homosexualität der Weltgeschichte

„Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.“ (Levitikus 20, 13) Wichtigster Antrieb intellektueller Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Streben nach Wahrheit. Wissenschaftler, die sich nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen, sind zumeist weltanschauliche Bauernfänger. Authentische Forschung sucht Wahrheit dort, wo das Leben zu finden ist und nicht dort, wo Ideologien wie schlecht gemischter Brotteig geknetet werden, der im Kellerdunst nicht enden wollender Tötungsfantasien vergammelt. Dem biblischen Befehl „Beide werden mit dem Tod bestraft!“ wurde von Seiten patriarchaler Religionen und ihrer politischen Geschwüre im Laufe …

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Connie Palmen wird zu Ted Hughes oder: die Wahrheit der Liebe

Connie Palmen taucht in „Du sagst es“ einmal mehr in stürmischen Gewässern bis an den Grund der Liebe. Wobei es auch bei diesem Tauchgang nicht einfach nur um Romantik, Sex oder sonstige idealisierte und kommerzialisierte Vorstellungen des schönsten Literaturthemas geht. In ihrem bislang besten Buch nimmt die Autorin eine männliche Perspektive ein. Und wächst dabei literarisch so weit über sich hinaus, dass man tatsächlich glaubt, mit einem Mann zu sprechen. Die Bekenntnisse in diesem wunderbaren Roman kommen vom englischen Dichter Ted Hughes. Sylvia Plath (1932 bis 1963) und Ted Hughes (1930 bis 1998) gelten bis heute als tragischstes und innigstes …

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Liebe beginnt mit Loyalität

Jugendliteratur ist tendenziell immer eine Literatur über die Suche nach Identität. Egal, wie viele Zauberlehrlinge und Drachenkämpferinnen sich Zauberstab-und-Schwertschwingend durch ihre Geschichten kämpfen. Egal, wie oft das Böse auf die allübliche Weise mit dem Guten ringt. Vor allem aber sollen coming-of-age-Geschichten Jugendlichen dabei helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Wenn wir sie schon im realen Leben als Erwachsene systematisch dran zu hindern versuchen – können sie es zumindest in und mit Geschichten versuchen. Denn letztlich sind immer Erwachsene schuld daran, dass jungen Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung Steine vor die Füße geworfen werden. Wenn man deshalb als Teenager …

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Der schöne Schein und das scheinbar Schöne

Die vielschichtige Beziehung zwischen Europa und Amerika artikuliert sich immer wieder auch in Biografien literarischer Grenzgängerinnen und Grenzgänger wie etwa Henry James oder Edith Wharton, F. Scott Fitzgerald oder Gertrude Stein. In diese Reihe renommierter Namen von weltliterarischem Rang aus dem 19. und 20. Jahrhundert darf sich Edmund White gelassen für den Wechsel vom 20. ins 21. Jahrhundert einreihen. Er gilt zurecht als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller und hat lange in Europa gelebt und gearbeitet. Unter anderem hat er sich einen Namen als Biograf europäischer Kulturgrößen wie Marcel Proust, Jean Genet oder Arthur Rimbaud gemacht. In „Die Gaben der …

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Der Funken Prinzessin, der in jedem Prinzen schlummert

Die Geschichte eines Prinzen, der lieber eine Prinzessin sein möchte, ist die Geschichte eines Außenseiters, der eigentlich kein Außenseiter ist. Sondern eine Prinzessin. In einer bezaubernden und kindgerecht präsentierten Selbstverständlichkeit schildert dieses Bilderbuch einen Kampf um Identität, der kein Kampf sein muss. Wir machen ihn zum Kampf. Das hat aber mit uns zu tun. Und nichts mit der Prinzessin. Die eigentlich ein Prinz ist. Der viel lieber eine Prinzessin sein will. Hannibal ist der Held und die Heldin dieser Geschichte gleichermaßen und führt mit einer ausnehmend fröhlichen Motivation Geschlechterklischees ad absurdum. Denn die Schubladen, in die wir uns gegenseitig stecken, …

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Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Die IG Autorinnen und Autoren Tirol feierte kürzlich ihr 30jähriges Bestehen. Mit der Publikation einer Anthologie und einer Lesung. Unter dem Titel „Über die Jahre“ haben 47 Tiroler AutorInnen sich in Geschichten und Gedichten erinnert. An ganz besondere Wendepunkte, Ereignisse, Menschen, Erfahrungen. „Sie beobachten und reflektieren, sie vermengen Realität und Fiktion. Sie berichten und verdichten“ heißt es auf dem Buchrücken. Vom wunderen Sujet „Erinnerungen“ motiviert, durfte auch ich zwei Texte dazu beitragen. Meine beiden Gedichte „Zeit im Sand III“ und „Zeit im Sand V“ sind Auszüge eines kleinen lyrischen Zyklus, der den wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben zum Thema hat. …

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