Kategorie: #DerguteGedanke

Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, wirkt die Diagnose, dass die Knochen der eigenen Halswirbelsäule einen ungesunden Eigensinn an den Tag legen, schon mal mit einer ordentlichen Portion emotionaler Ambivalenz. Wenn ein rastloser Radiologe mit Schweißperlen auf der Stirn („Ich versteh das nicht! Ich versteh das nicht!“) dann „dringend“ dazu rät, „am besten sofort“ zum Hausarzt zurück zu marschieren und dieser nach einem Telefonat mit dem Radiologen nicht minder nervös mit der Spritze für die nächste Blutuntersuchung auf einen zuspringt, weiß man: hier könnte sich ein größeres Problem vor einem aufplustern. Wenn Erinnerungen an …

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Die Lust an der Apokalypse

Vor 80 Jahren hat meine Großmutter als junge Bäuerin beim Dorfbrunnen auf das wollüstige Sabbern ihrer Nachbarinnen „Hast du schon gehört? Der Führer kommt an die Front!“ lautstark protestierend geantwortet: „Wenn unsere Männer kämpfen, ist es um ihn auch nicht schade!“ Das war ihre Art des Widerstandes in einer Zeit der Angst. Sie wurde flugs denunziert und inhaftiert. Wäre sie nicht schwanger gewesen, wäre sie ins KZ gekommen. Ein Satz. Und ich hätte fast nicht existiert. In der Kubakrise vor über 50 Jahren stand die Welt nur wenige Augenblicke vor einem Atomkrieg. Die Generation meiner Eltern kann sich gut daran …

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„Helden für immer“ auf der Shortlist für den DELIA Literaturpreis!

Feedback zu meinem Herzensprojekt geht mir naturgemäß zu Herzen. Ob via E-Mail oder Social-Media Nachrichten, für die sich Menschen extra Zeit nehmen, um mir mitzuteilen, wie sehr ihnen meine Geschichte von Felix und Kilian gefallen hat. Ob auf riesigen LGBT-Online-Netzwerken oder auf Queer Literatur Blogs. Ob in renommierten Literaturhäusern oder beim Rennen um Literaturpreise. Felix und Kilian berühren die Menschen und um nichts anderes ging es mir beim Schreiben. Hier einige der Reaktionen: Auf der Shortlist für den DELIA-Literatpreis! Seit kurzem steht fest, dass mein Roman „Helden für immer“ mit im Rennen um die Auszeichnung „bester deutschsprachiger Liebesroman“ ist! Ich …

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Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Die Wiener Stadthalle wirkt wie ein utopischer Kinosaal der Siebziger Jahre. Der rubinrote Farbton am Boden, an den Wänden und an den Kinosesseln erweckt ein Wohlgefühl zwischen dem Unterhaltungsfaktor des neuesten Box Office Hits und einer notenfreien Vorlesung in internationaler Politik. Ganz ohne intellektuelle Selbstbeweihräucherung bei den üblichen komplexbeladenen Ritualen in versteckten Elfenbeinturmkämmerchen selbsternannter Eliten. Die Bühne ist so schlicht, dass keinerlei Ablenkung eine Distanz zwischen Publikum und Band zu schaffen vermag. Der schwarze Vorhang sorgt dafür, dass das Hauptaugenmerk sofort auf die Mitte der Bühne gerichtet wird, wo die Instrumente eine verblüffende Lässigkeit ausstrahlen. Der Eindruck einer aufgeräumten Garage …

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Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Die IG Autorinnen und Autoren Tirol feierte kürzlich ihr 30jähriges Bestehen. Mit der Publikation einer Anthologie und einer Lesung. Unter dem Titel „Über die Jahre“ haben 47 Tiroler AutorInnen sich in Geschichten und Gedichten erinnert. An ganz besondere Wendepunkte, Ereignisse, Menschen, Erfahrungen. „Sie beobachten und reflektieren, sie vermengen Realität und Fiktion. Sie berichten und verdichten“ heißt es auf dem Buchrücken. Vom wunderen Sujet „Erinnerungen“ motiviert, durfte auch ich zwei Texte dazu beitragen. Meine beiden Gedichte „Zeit im Sand III“ und „Zeit im Sand V“ sind Auszüge eines kleinen lyrischen Zyklus, der den wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben zum Thema hat. …

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Kindheitserinnerungen oder: der unsichtbare Zauberer

Immer wieder kocht eine Erinnerung in mir hoch. Dann fällt mir eine Zeit in meinem Leben ein, in der ich ernsthaft glaubte, dass erwachsen zu sein auch wirklich erwachsen zu sein bedeutete. Wenn wir erwachsen sind, haben wir die Freiheit zu tun, was wir wollen. Wenn wir erwachsen sind, haben wir die Erfahrung, um es besser zu wissen. Wenn wir erwachsen sind, werden wir es richtig machen. Es hat nicht lange gedauert, bis ich begriff, wie naiv ich war. Irgendwann hörte ich auf zu glauben, verlor meine Naivität und lernte zu wissen. Dass der Glaube an einen unsichtbaren allmächtigen Zauberer, …

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„Helden für immer“ und die Ehe für alle

Meine „Helden für immer“ lernen sich 1936 als junge Männer am Wiener Heldenplatz kennen und ich begleite sie in meinem Roman durch ihr ganzes gemeinsames Leben. Neben zahlreichen spannenden Wendepunkten in ihrer Geschichte vor dem Hintergrund der Veränderungen im 20. Jahrhundert stellt sich vor allem die Frage, ob sie noch zu ihren Lebenszeiten jene Freiheit erreichen werden, die wir heute unser Eigen nennen dürfen. Im Dezember 2017 verlautbarte der Österreichische Verfassungsgerichtshof, dass alle Paare – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – eine zivilrechtliche Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft eingehen können. Ein ganzes Jahr hat die aktuelle rechtskonservative Regierung zusammen mit …

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Leben und lernen oder: warum es gut ist, dass es gut ist

Im Frühjahr 2016 stand ich am Bahnhof und bekam wie aus dem Nichts Schweißausbrüche, Herzrasen und erste Anflüge einer Panikattacke. Im Zug saß ich überaus missmutig und ausgebrannt, mich selbst nur halbherzig beruhigend, und realisierte, dass ich mit Job, Nebenjob und Schreiben zwei Jahre lang ca. 80 Stunden in der Woche gearbeitet habe. Ein Ausflug nach Stockholm kurze Zeit später wurde zu einem lang überfälligen und heiß ersehnten Tapetenwechsel. Gemütliche Abende mit lieben Freundinnen und Freunden wurden wieder wichtiger für mich. Ich begann eine Therapie und fand eine ganz neue Qualität psychologischer Selbstvergewisserung. Veränderung beginnt als Klischee – nämlich in …

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Kunst und Politik im Garten

in Erinnerung an Erich Fried (6. Mai 1921 bis 22. November 1988)    Die Beziehung zwischen Kunst und Politik erscheint wie eine zwischenmenschliche Beziehung: sie zeigt sich in zahllosen Dimensionen. Es gibt jene, die die Kunst zu vereinnahmen versuchen, um ihre – meist menschenunwürdige – Politik zu betreiben. Dabei gehen Kunst und Politik eine Beziehung ein wie ein braver katholischer inzestuöser Familienvater mit seiner eignen Tochter, die von ihm zur Geburt von sieben künftigen Pensionszahlern gezwungen wird. Viele missbrauchte Dichter kommen bis zum heutigen Tag zu dem Schluss – wer schweigt, überlebt. Es gibt aber auch jene, die die Politik …

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Ich bin eine Mathe-Schularbeit oder: die Schönheit meines Kopfes

Zu allen Zeiten und überall auf der Welt hat sich ein Teil der Männer und Frauen nach einer intimen Beziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts gesehnt. (Robert Aldrich)   Wenn das Gute den Preis des Schlechten kostet – ist es dann noch gut? Ist das Streben nach Glück wirklich so vermessen? Staat und Kirche haben noch nie eine harmonische Ehe geführt und sind seit langem geschieden – warum streiten sie sich noch immer über das Sorgerecht, obgleich die Kinder schon erwachsen sind? Ich kann es nicht verhehlen: das Pathos solcher Fragen gefällt mir. Und zwar so gut, dass mich derartige …

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