Das eigentliche Verbrechen oder: die Unglaubwürdigkeit der „guten alten Werten“

Das eigentliche Verbrechen oder: die Unglaubwürdigkeit der „guten alten Werten“

Michael Reh ist ein international renommierter Fotograf und vermag auch beim Schreiben den richtigen Fokus auf sein Motiv zu finden. In diesem Fall dürfte es damit zusammenhängen, dass er eine autobiografisch inspirierte Geschichte erzählt. Sie beginnt mit einem Verbrechen. Nikolas erschlägt seine alte Tante Magda und seinen Onkel Erich. Sein vor vielen Jahren von seiner Familie geflohener Zwillingsbruder Max, der ein exzessives Leben als erfolgreicher Fotograf in New York führt, wird informiert. Max reist zurück in seine alte Heimat in der deutschen Provinz, um herauszufinden, was zu diesem Doppelmord geführt hat. Im Zuge der Aufklärung wird deutlich, dass das eigentliche Verbrechen schon viel länger zurückliegt.

Der Autor schält Schicht für Schicht die Mäntel der Verdrängung, die über dieser Familie liegen, um ein zu lange vor sich hingammelndes Familiengeheimnis aufzudecken. Tanta Magda hat über viele Jahre Kinder sexuell missbraucht. Darunter nicht nur Max, sondern auch Nikolas. Vor allem aber wird klar, dass die jahrzehntelange Heuchelei diese Familie mit all ihren „guten alten Werten“ zu einem traurigen Archetypus macht. Was den Geist dieser Geschichte außerdem trägt, ist der clevere Schachzug sich mit der Verarbeitung eines Traumas in die Spannungsliteratur zu bewegen. Um durch die Aufklärung eines Verbrechens den Nebel über eine von ihrer eigenen Scheinheiligkeit vergiftete Familie zu lüften.

Man fiebert aufgewühlt mit Max und seinem Bruder mit und weiß, dass hinter diesem Kriminalfall eine furchterregende Wirklichkeit steht, die durch die Elemente der Spannungsliteratur ein größtmögliches Publikum finden kann. Ein Tabu, über das gesprochen werden muss. Ein wichtiger Roman, denn er macht nicht nur das Tabu zum Thema. Sondern auch das Tabu im Tabu. Auch Frauen machen sich des sexuellen Missbrauchs schuldig. Auch Frauen können Monster sein. Wer vor dem Hintergrund dieser Wirklichkeit glaubt, er könne sich verstecken, sieht sich selbst nicht mehr. Sehr spannende Lektüre, mitreißend erzählt. Ein bewegendes Zeugnis über die Macht der Resilienz im Angesicht des Grauens.

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