Das Porträt einer Unbeugsamen als Geschichte einer grossen Möglichkeit

Das Porträt einer Unbeugsamen als Geschichte einer grossen Möglichkeit

 

Joan Baez und ihre Stimme gegen Gewalt

 

Über Joan Baez zu lesen führt nahezu immer zur Lektüre einer großen Hoffnung. Einer Hoffnung, die weder die Künstlerin und Aktivistin selbst noch ihr Publikum ganz aufgeben wollen. Auch wenn sie immer wieder in weite Ferne rückt. Die Hoffnung auf eine Welt, die den Wahnsinn vielleicht doch irgendwann zu überwinden vermag. Dann beginnen wir zu verstehen, was Baez meint, wenn sie von kleinen Siegen und großen Niederlagen spricht. Siege und Niederlagen, die ihr künstlerisches und politisch-aktives Leben zur Genüge kennt.

Die 1941 geborene Sängerin war nämlich nie nur eine Stimme für ein paar Lieder, mit denen ein Publikum unterhalten werden wollte. Baez war immer auch die Stimme einer Generation, die alle Generationen seither zu begeistern vermag. Mit Nostalgie und glanzvoller Gegenwart, mit Idealismus und Pragmatismus, mit Sanftheit und Verve. Und mit einer Haltung, die sie nicht nur in ihrer Position als öffentliche Person untermauert. Einer Haltung, in der sie seit 1959 mit einer Überzeugung steht, der sie bis heute treu ist. Egal, wie viele Kritiker sich über ihren Gesang monierten. Egal, wie viele politische Kräfte von links und von rechts an ihr zu zerren versuchten.

Der promovierte Musikwissenschaftler und erfolgreiche Biograf Jens Rosteck (zuletzt etwa über Jaques Brel, 2016, und Edith Piaf, 2013) hat nun eine längst überfällige Biografie über Joan Baez geschrieben und die Hoffnung packt einen auch diesmal. Denn Joan Baez ist mehr als nur eine kulturhistorisch umnebelte Figur, die in Woodstock das Arbeiterlied „Joe Hill“ sang. Über jene Solidarität, die vor allem in der politischen Gegenwart so schmerzlich vermisst wird. Joan Baez ist nicht nur eine Heldin der amerikanischen Friedensbewegung, die das öffentliche Bild des Vietnamkrieges nachdrücklich zu verändern und auf diese Weise auch erfolgreich zu seinem Ende beizutragen vermochte. Joan Baez ist auch nicht nur jene Frau, die mit Literaturnobelpreisträger Bob Dylan künstlerisch und privat verbandelt war.

Joan Baez ist die Personifizierung einer großen Veränderung. Zu einer verbohrten Zeit, als das 20. Jahrhundert noch immer den konservativen Kopf in den Sand der Befreiung nach 1945 stecken wollte, trugen die Wellen des Folk Music Revivals sie auf internationale Höhen, von denen aus sie jenen ihre Stimme lieh, die keine Stimme hatten. Gesellschaftliche und politische Entwicklungen mitprägend, deren Ausmaß eigentlich kaum in Worte zu fassen ist.

Wenn etwa Staatspräsidenten wie Vaclav Havel bewundernd festhalten, dass ein Konzert von Joan Baez zu einem Schlüsselmoment für den Erfolg der Samtenen Revolution wurde. Wenn sie bereits in den frühen 1970er Jahren Lieder über und für ihr LGBT Publikum aufnahm, als der Befreiungskampf um Freiheit sexueller Identitäten noch in den Kinderschuhen steckte. Wenn sie 1993 in einer Straße in Sarajevo sang, um internationale Aufmerksamkeit auf die vom Krieg gebeutelte Stadt zu lenken.

Der Autor erzählt die fulminanten Siege der Joan Baez, ohne ihre Niederlagen zu ignorieren. Und malt dabei ein authentisches Bild über eben jenen Charakterzug, der in der Tat das künstlerische und politische Leben dieser Frau ausmacht. Ihre Unbeugsamkeit. Ob nun bei ihren internationalen politischen Aktivitäten oder als Liedermacherin. Auf den Bühnen der Welt. Im wahrsten Sinn des Wortes der ganzen Welt. Er schreibt in eleganter Prosa und präsentiert seine ausführlichen Recherchen mit einer mitreißenden Motivation. Auch wer bislang noch nicht zu den Fans von Joan Baez gehört, erlebt bei der Lektüre dieses Buches eine Hoffnung, die er oder sie wohl kaum glauben und dennoch glauben wollen wird.

Joan Baez – Porträt einer Unbeugsamen

Osburg Verlag, 2017

978-3955101428

Nähere Informationen hier 

 

 

 

Share This Post

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Email and Name is required.