Der Blubberblasenblues oder: Wenn Literatur nicht länger Literatur sein darf

Der Blubberblasenblues oder: Wenn Literatur nicht länger Literatur sein darf

Ich habe die Inauguration von Joe Biden nur in Form einiger Schlagzeilen konsumiert. Ich bin zwar promovierter Amerikanist, aber der übliche amerikanische Pomp bei solchen Anlässen hat mich noch nie gereizt. Ich verspüre keine Lust dazu mich an Roben, Schmuck, Klatsch und schönen Frauen zu ergötzen. Weder an der Frisur von Michelle Obama, noch nicht einmal am stimmgewaltigen Auftritt Lady Gagas beim Singen der Nationalhymne. Nationalhymnen interessieren mich nämlich überhaupt nicht. Es ist mir auch vollkommen egal, ob Bernie Sanders Wollhandschuhe trägt oder nicht. Viel wichtiger ist mir eine Antwort auf die Frage, ob und wie Joe Biden und Kamala Harris die USA aus dem Sumpf der grauenvollen Spaltung dieser letzten Jahre herauszuführen gedenken.

Den lyrischen Vortrag von Amanda Gorman habe ich ebenfalls weder gehört noch gesehen. Ihr Gedicht auch nicht gelesen. Deshalb kann, will und werde ich mir darüber kein Urteil bilden. Wenn aber Menschen glauben nur ein paar Seufzer in den luftleeren Blubberblasen ihrer Asozialen Medien reichen aus, um anderen vorzuschreiben, dass sie einen Job nicht tun dürfen, weil sie die falsche Hautfarbe haben, dann ist es schlicht und ergreifend unglaubwürdig vorzuheucheln eigentlich gegen Rassismus zu sein. Wer rassistisch gegen Rassismus vorgeht, ist nicht gegen Rassismus und bleibt Rassist. Vor allem ist es von frappierender Naivität zu glauben das böse System sei zu ändern, indem man die Mechanismen eben dieses zu bekämpfenden Systems übernimmt.

Wenn in diesem System künftig nur noch erlaubt sein wird, dass wir Literatur nur noch nach dem persönlichen Erfahrungswert übersetzen, dann gilt dies auch fürs Schreiben. Dann proklamieren wir zwar einmal mehr lautstark und weinerlich das fragmentierte Selbst des postmodernen Menschen, aber gleichzeitig töten wir Literatur. Dann schreiben nur noch Opfer rassistischer Erfahrungen für Opfer rassistischer Erfahrungen. Dann schreiben nur noch Opfer sexistischer Erfahrungen für Opfer sexistischer Erfahrungen. Dann schreiben nur noch Katholiken für Katholiken. Dann schreiben nur noch Moslems für Moslems. Dann schreiben nur noch Frauen für Frauen. Dann schreiben nur noch Männer für Männer. Dann schreiben nur noch Europäer für Europäer. Dann sortieren wir alle Historischen Romane aus. Oder am besten verbieten wir sie gleich. Dann sperren wir alle Krimi-Autorinnen und Autoren wegen ihrer Verbrechen ein. Dann verbieten wir die Klassikerinnen und Klassiker der Antike. Denn niemand von uns hat Platons Kugelmenschen je gesehen.

Was mich aber am meisten an dieser Debatte stört, ist die manische Fixierung der Cancel Culture Kriegerinnen und Krieger darauf Menschen in ihrer Opferrolle einzuzementieren. Ja, wir müssen Menschen eine Stimme geben, die keine Stimme haben. Wann und wo wir können. Wieder und wieder. Damit sie ihre eigene Stimme für sich selbst erheben können. Wenn ich dafür aber nichts anderes zutage fördere als andere Stimmen, deren Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder Genitalien mir nicht passen, zum Schweigen zu bringen, dann vollführe ich genau das, was eben jenen Menschen ohne Stimme widerfahren ist. Und wenn ich dabei diesen Menschen wieder und wieder ins Gesicht brülle, dass sie Opfer sind und auch immer Opfer bleiben werden, liegt mir nichts daran, die Stimmen dieser Menschen zu stärken. Vielmehr wünsch ich mir nur einen möglichst lauten Applaus, was für ein toller Aktivist ich bin. Und das hat mit dem Kampf gegen Unrecht nichts zu tun.

Ich erlaube mir auch deshalb eine kleine Reflexion zu diesem Thema, weil ich meine Erfahrung damit habe, keine Stimme gehabt zu haben. Ich wurde in den 1970er Jahren in einem sehr konservativen Eck eines sehr konservativen Landes geboren. Wo es kein leichtes Unterfangen war ein selbstbewusster freier schwuler Mann zu werden. Wo auch immer ich hinkam, wurde meine Existenz in ihrer Gesamtheit letztlich ignoriert. Von meiner Verwandtschaft, von meiner Schule, von den Medien, von der Kultur, von der Politik, vom Gesetz. Es war mir nicht erlaubt vorhanden zu sein. Bis ich zu lernen begann, dass mein Empfinden für meine Identität nur aus mir selbst zu wachsen vermochte. Nicht aus der Meinung anderer über mich. Auch nicht aus der Meinung sogenannt linker politischer Parteien, die ich lange unterstützt habe und die dennoch immer wieder mit Schwulenhassern Koalitionen eingehen. Die ich demgemäß auch nicht mehr unterstützen werde.

Eine der wichtigsten Hilfen auf meinem Weg war die Literatur. Ich las etwa Bücher des von mir sehr verehrten James Baldwins und erkannte: Wenn ein schwuler Afro-Amerikaner in den 1950er Jahren in seinem brillanten Roman „Giovannis Zimmer“ die tragische Liebesgeschichte eines weißen Schwulen erzählen und publizieren konnte, dann konnte und kann auch ich meine eigene Geschichte finden. Eine Geschichte, die nicht länger nur vom Überleben erzählt. Sondern vom Leben. Die Geschichte über ein Leben, in dem es eben nicht darum geht, dass nur eine Form der Liebe erlaubt ist. Das gilt aber dann sowohl für die eine als auch die andere Liebe. Und die vielen, vielen weiteren Formen der Liebe. Wichtig ist nur, dass wir die Liebe feiern. Und uns nicht ständig mit einer Spaltung selbst befriedigen, die andere uns aufoktroyieren, damit wir mit dem Streiten beschäftigt sind. Während sie tun können, was sie wollen.

Inzwischen habe ich einen Roman über eine große schwule Liebesgeschichte verfasst („Helden für immer“, Querverlag). Die Tatsache, dass ich selbst schwul bin, ist hier natürlich nicht unwichtig. Ich kenne Stigmatisierung und Ausgrenzung. Ich kenne sie gut. Ich habe jede „schwule Sau“, „Schwuchtel!“ und all die anderen Schimpfwörter, die ich in meinem Leben gehört habe noch immer im Ohr. Ich wurde beschimpft, bedroht, angespuckt und wieder und wieder entwürdigt. Und deshalb bin ich stolz darauf, dennoch ein glücklicher Mensch geworden zu sein. Ich habe diese Geschichte aber nicht erzählt, um mich auf einem Podest aufzuplustern, damit die Welt mir auf ewig kundtut, was ich doch für ein ach gar armes Opfer sei. Ich habe diese Liebesgeschichte vor allen Dingen erzählt, weil ich meiner lebenslangen Sehnsucht nach emotionaler Authentizität literarisch Ausdruck verleihen wollte.

Ich wollte Menschen damit berühren. Wenn ich an die vielen Reaktionen aus dem Publikum bei meinen Lesungen denke, dann weiß ich auch, dass mir das gelungen ist. Als ich dann 2019 auf der Leipziger Buchmesse neben zahlreichen Liebesromanen über heterosexuelle Paare für den Delia Literaturpreis nominiert wurde („bester deutschsprachiger Liebesroman“), wusste ich, dass mir geglückt ist, was ich mit diesem Buch im Sinn hatte. Ich wollte die Liebe zwischen zwei Männern als der Liebe zwischen Mann und Frau ebenbürtig erzählen. Wenn nun irgendwann mein nächster Traum in Erfüllung geht und mein Roman in eine andere Sprache übersetzt werden sollte, dann sehe ich nicht ein, dass dies erst erfolgen darf, wenn wir in einem faschistoiden Kreuzverhör herausfinden, ob der Übersetzer auch wirklich schwul ist. Ich will, dass mein Buch möglichst viele Menschen erreicht und nicht, dass der Übersetzer mir seine sexuelle Orientierung beweist.

Diese dumpfe Instrumentalisierung von Literatur durch Mechanismen eines Systems, das man zu überwinden vorheuchelt, ist eine Verhöhnung aller, die Bücher schreiben und aller Leserinnen und Leser, deren Empathie durch Literatur angeregt wird. Vor allen Dingen ist es eine Sackgasse zu glauben etwas abzuschaffen, indem wir tun, was wir abzuschaffen gedenken. Ich will nicht, dass meine Literatur zu einem Instrument gemacht wird, um Menschen zu stigmatisieren. Ich freue mich, wenn heterosexuelle Menschen Freude mit meinem Buch haben. Ich freue mich, wenn konservative Zuhörerinnen und Zuhörer auf mich zukommen und mir kleinlaut sagen, dass sie dieses Thema noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet haben. Es ist nicht meine Aufgabe die ideologischen feuchten Träume einiger Cancel Culture Kriegerinnen und Krieger zu befriedigen. Es ist meine Aufgabe Geschichten zu erzählen, die Menschen berühren. Wem meine Geschichten nicht gefallen, darf mir das immer gerne sagen. Wem meine Hautfarbe, mein Geschlecht, meine sexuelle Orientierung, mein Atheismus oder meine Frisur nicht gefällt, darf sich getrost in seiner heißluftigen Blubberblase an seine eigene reaktionäre Verbohrtheit kuscheln.

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2 thoughts on “Der Blubberblasenblues oder: Wenn Literatur nicht länger Literatur sein darf

  1. Lieber Markus!

    Welch ein packendes Statement, das mich sehr berührt hat,…
    …und ich stimme Dir vollumfänglich zu: Man kann nie gleiches mit gleichem vergelten in der Hoffnung auf Besserung.

    Als ich von den Diskussionen bzgl. der Gorman-Übersetzung hörte, dachte ich, es handelt sich um einen verfrühten April-Scherz. Doch leider war es bitterer Ernst…! In meiner vielleicht grenzenlosen Naivität dachte ich bisher immer, für eine Übersetzung nimmt man einfach den für diesen Text besten. Tja, ich Dummerchen, wie konnte ich nur so naiv sein.

    Im Rahmen der MONTAGSFRAGE haben wir vor einiger Zeit ein ähnliches Thema bearbeitet, bei dem ich eine eher humorvolle Antwort gefunden habe.

    Herzlichen Gruß
    Andreas

    https://andreaskueckleselust.com/2020/06/01/montagsfrage-84-sollten-weibliche-autoren-mehr-aus-sicht-von-weiblichen-protagonisten-schreiben/

    • Lieber Andreas, vielen herzlichen Dank für Dein schönes Feedback… tja, dieses Thema hat mich als Literaturvermittler und Literat ein wenig in Wallung gebracht… gegen diese Wallungen hilft mir das Bloggen immer :-)!

      Danke für den Link.

      „Darf nur ein ehemaliger Fuchs, der als Autor wiedergeboren wurde, eine Fabel über Meister Reineke verfassen?“

      Sensationell *lach*!

      Liebe Grüße, Markus

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