Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Der Frühling, die Angst, der Tod und das Leben

Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, wirkt die Diagnose, dass die Knochen der eigenen Halswirbelsäule einen ungesunden Eigensinn an den Tag legen, schon mal mit einer ordentlichen Portion emotionaler Ambivalenz. Wenn ein rastloser Radiologe mit Schweißperlen auf der Stirn („Ich versteh das nicht! Ich versteh das nicht!“) dann „dringend“ dazu rät, „am besten sofort“ zum Hausarzt zurück zu marschieren und dieser nach einem Telefonat mit dem Radiologen nicht minder nervös mit der Spritze für die nächste Blutuntersuchung auf einen zuspringt, weiß man: hier könnte sich ein größeres Problem vor einem aufplustern.

Wenn Erinnerungen an grauenerregende Qualen von Menschen, die einem wichtig waren, an Knochen, die durch simple Berührung in tausend Stücke barsten, an Schmerzensschreie, an Verzweiflungstränen, an den überaus unpoetischen Geruch des Todes, immer heißer und galliger aus der Magengegend hochkochen, beginnt man sich als kognitiv hochtourig fahrender Mensch dann doch mit Fragen auseinanderzusetzen, die man sich mit 40 nicht stellen möchte. Und stellt sich im gleichen Moment vor allem nur eine Frage: wie viele Menschen müssen sich derartigen Dimensionen praktisch – und nicht nur theoretisch – immer wieder stellen? In jedem Alter. Mit jedem Geschlecht. Mit jeder sexuellen Orientierung. Mit jeder Hautfarbe. Mit jedem Kontostand. Vor jedem religiösen oder nationalen oder sonstigen Hintergrund.

Wenn das flaumig-bittere Gefühl im Magen die fulminanten Fantasien dann Tag für Tag weiter befeuert und die Zeit an Geschwindigkeit zu verlieren droht, weil man bis zur nächsten Besprechung noch warten muss, beginnt das Konzentrationsvermögen mehr und mehr zu vernebeln und man schafft es nur noch mit intensivem Fitnesstraining sich am Boden der Tatsachen zu halten. Während man sich nicht sicher sein kann, dass manche der Kraftsport-Übungen vielleicht von gröberer Destruktivität für das eigentliche Problem sein könnten. Wenn nach ungezählten Blutuntersuchungen, Röntgenaufnahmen und Befundbesprechungen auch ein MRT-Bild gemacht wird, das dann außerdem die Tatsache zutage fördert, dass das eigene Knochenmark ominöse Flecken aufweist, die vom Hausarzt „beim besten Willen nicht“ diagnostiziert werden können, nützen auch die vernünftigsten Stimmen aus der Familie und dem Freundeskreis nichts mehr.

Dann lernt man die Macht des geschriebenen Wortes von einer ganz neuen Seite kennen. Wenn die Überweisung auf die Innere Medizin nämlich von den Worten gekrönt wird: „Verdacht auf Multiples Myelom.“ Dann beginnt man Krimi-Autoren zu verstehen. Denn solange nur der Gärtner oder der Butler verdächtig sind, weiß man: die Freude an der Fiktion obliegt ihrem eigentlichen Naturell. Und doch wird aus dieser Situation beim besten Willen kein Roman. Die Realität lässt sich nicht wegschreiben. Dann steht man mit einem bis kurz vor dem Zerreißen angespannten Nervenkostüm vor der Notfallambulanz, starrt in den regnerischen Frühlingshimmel über Innsbruck und weiß: jetzt sieht man durch mich durch. Bis ins Mark. Dann muss man den nach Jahren tief verschütteten Wissenschaftler in einem ausgraben und der einzigen möglichen Motivation nachgehen: jetzt will ich es genau wissen! Wenn man währenddessen in einem trägen grauen Gedankenschlamm weiter watet und nicht weiß, wo das Versinken auf einen wartet, wird einem zum ersten Mal die eigene Sterblichkeit bewusst. So richtig bewusst. Ganz unabhängig von den allüblichen betont intellektuellen, pseudophilosophischen und elitären gesellschafts-„kritischen“ Anfällen geistiger Masturbation.

Und doch bleibt die Nachwirkung eines Impulses, der einen verblüfft. Ganz plötzlich klaren die Nebel auf, an die man sich schon viel zu lange gewöhnt hatte. Man weiß mit einer nie gekannten Klarheit, was das Schöne am eigenen Leben ist. Was man gerne tut. Was man liebt. Man begreift das Privileg, mit einem riesigen Netz an Unterstützung ausgestattet zu sein. Ganz ohne jegliches Gebet. Unterstützung, die zumeist nur Respekt benötigt. Den Respekt zu verstehen, dass mein Gegenüber eine Angst durchlebt, die alles andere als irrational agiert.

Wenn am Ende dieser fast siebenwöchigen Erfahrung eine geduldige Fachärztin der Hämatologie und eine verständnisvolle Internistin stehen („Dass sie sich mit einer solchen Familiengeschichte Sorgen machen, ist natürlich klar!“), die einem endlich und endgültig versichern, dass die Halswirbelsäule zwar von ein oder zwei posttraumatischen Nachwehen aufgrund längst vergessener Unfälle aus der Kindheit und diversen Kleinigkeiten in Mitleidenschaft gezogen ist, man aber nicht die geringsten Zeichen einer lebensbedrohlichen Krankheit in sich trägt, schießt eine Gefühlsmischung aus Dankbarkeit, Erleichterung und Scham wie eine magische Bohnenranke ins Universum hoch. Mit eben dieser Mischung ringt man um Fassung und muss über sich selbst lachen, während man vor lauter Erleichterung auch als erwachsener Mann jeden Moment in Tränen ausbrechen könnte. Nachdem meine Großmutter an Knochenkrebs und einer meiner Onkel an Knochenmarkkrebs starben, weiß ich nämlich, dass es für nichts und niemanden Sicherheit gibt. Niemals.

Nachdem ich die beiden Damen zu meinen „neuen besten Freundinnen“ deklariert habe, vermag ich meine Ängste der letzten Wochen sauber zu bügeln, zu falten und in einer Schublade zu verstauen, die von nun an immer zu meinem Leben gehören wird. Ich nehme mir vor, mit meinen Lieben mein Glas aufs Leben zu erheben und mich nie wieder über Dinge aufzuregen, die an Lächerlichkeit nicht zu überbieten sind. Ob nun Liebesenttäuschungen, Arbeitsstress oder lächerliche asoziale Mediendiskussionen. Ob nun Eitelkeiten, Schmutzkübel-Wahlkämpfe oder eine negative Kritik zu einem meiner Texte. Ob nun homophobe Kleingeister, zu spät zurückbezahlte Kautionen oder sonstige Streitereien. In diesem Sinne werde ich den Frühling 2017 als Geschenk annehmen. Und loslassen. Denn jetzt beginnt der Sommer meines Lebens.

 

Wer anderen Menschen helfen will, die nicht so viel Glück wie ich haben, kann das unter anderem hier tun:

Österreichische Krebshilfe Tirol

IBAN: AT11 2050 3013 0000 5004

BIC: SPIHAT22XXX

Mitglied werden:

https://www.krebshilfe-tirol.at/subnavigation/spenden/mitglied-werden/

 

© Markus Jäger, 2017

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