Der schöne Schein und das scheinbar Schöne

Der schöne Schein und das scheinbar Schöne

Die vielschichtige Beziehung zwischen Europa und Amerika artikuliert sich immer wieder auch in Biografien literarischer Grenzgängerinnen und Grenzgänger wie etwa Henry James oder Edith Wharton, F. Scott Fitzgerald oder Gertrude Stein. In diese Reihe renommierter Namen von weltliterarischem Rang aus dem 19. und 20. Jahrhundert darf sich Edmund White gelassen für den Wechsel vom 20. ins 21. Jahrhundert einreihen. Er gilt zurecht als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller und hat lange in Europa gelebt und gearbeitet. Unter anderem hat er sich einen Namen als Biograf europäischer Kulturgrößen wie Marcel Proust, Jean Genet oder Arthur Rimbaud gemacht.

In „Die Gaben der Schönheit“ präsentiert er eine Figur, die sich ebenfalls als Grenzgänger geriert. Guy entstammt der industriellen Provinz Frankreichs und reitet in den späten Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf dem Rücken verschiedener Zufallsbekanntschaften und seinem einzigartig guten Aussehen als Model in die höchsten Höhen der Pariser Modewelt. Selbst der viel zitierte Sprung über den großen Teich funktioniert für ihn mit tänzelnder Leichtfüßigkeit. Der wichtigste Akzent, den Guy dabei quasi als moderner Dorian Gray zu setzen vermag, ist die Betonung seines jugendlichen Aussehens. Wieder und wieder.

Der Autor, der viele Jahre für die Zeitschrift Vogue tätig war, vermag in seinem abwechslungsreichen Roman die Kollektivneurose Jugendwahn mit spitzer Feder und dennoch sanfter narrativer Finesse aufs Korn zu nehmen. Dabei bewegt er sich erzählerisch mit anmutigen Schwüngen am Steilhang der AIDS Krise herunter. In seinen Kurven wirbelt er nur so viel satirischen Schnee auf, dass seine Abfahrt nichts an sportlicher Lässigkeit verliert. Ob Guy dabei als Held oder Anti-Held interpretiert werden kann oder soll, überlässt er sehr geschickt dem Urteil seines Publikums.

Die Amouren des schönen Guy tanzen wie gut einstudierte Choreografien vor dem Hintergrund der Geschichte vorbei. Auftritt Liebe, Applaus und Vorhang. Wieder und wieder. Wie glaubwürdig diese Tänze sind, lernen alle seine Liebhaber auf ihre jeweils eigene Weise. Gerne leidet man mit diesen Apologeten der Schönheit mit. Edmund White knüpft seine von eleganter Sprache getragene kunstvolle Reflexion über die Schönheit mit geistreicher Feder zu einem großen Roman über die Glaubwürdigkeit. Dabei vermag er auch und vor allem mit fulminant gut gelungenen Dialogen zu überzeugen, die einen laut auflachen lassen. Weltliteratur vom Feinsten. Unbedingt empfehlenswert!

 

„Die Gaben der Schönheit“

Albino, 2016

 

Weitere Informationen hier.

 

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