Die Liebe zu Symbolen. Ein Entmystifizierungsversuch.

Die Liebe zu Symbolen. Ein Entmystifizierungsversuch.

In diesen Tagen denke ich oft an die Stigmatisierungen zurück, die ich in meinem Leben schon erlebt habe. Ich erinnere mich an die Ängste, die ich als Teenager empfand, während ich es wagte, mich zu fragen, ob ich das Recht auf eine glückliche Zukunft habe. Ich schließe meine Augen und sehe mich wieder am Geländer einer Brücke stehen. Über einer Autobahn. Mit traurigem Blick in die Tiefe. Und ganz realer Todesangst in den Knochen. Weil ich aufgrund jahrzehntelanger Ignoranz meines Umfeldes, meiner Schule und der Medien der Meinung war, dass ich gar nicht existiere. Nicht existieren darf. Inzwischen sind 25 Jahre vergangen und die Welt ist eine andere. So wie ich ein anderer bin. Weil eine Generation nach der anderen mutig für Respekt gekämpft hat. Kämpfen musste. Wir müssen mit dem Finger auf jene zeigen, die dafür verantwortlich sind, dass dieser Kampf überhaupt gekämpft werden muss. Wir müssen ihnen klar und deutlich sagen, dass wir ihre Verantwortung für die Notwendigkeit dieses Kampfes niemals vergessen werden.

Wenn die Europäische Union nun offiziell kundtut eine „LGBTIQ Freiheitszone“ zu sein, empfinde ich das als ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Wovon unterdrückte Menschen etwa in den reaktionären Visegrád Staaten aber nur dann etwas haben werden, wenn wir uns von den Symbolen in der Politik befreien und endlich Taten folgen lassen. Parkbänke oder Zebrastreifen in Regenbogenfarben mögen die Sichtbarkeit erhöhen und so manches Aktivistenherz mit Stolz erfüllen, rechtlicher und politischer Respekt entsteht dadurch aber noch lange nicht. Dieser Automatismus, an den immer noch viele glauben, existiert nicht. Wir brauchen Politik, die Gesetze für uns macht. Wir brauchen Politik, die Gesetze gegen jene macht, die uns unsere Leben schwermachen. Wir brauchen Politik, die Nägel mit Köpfen macht und nicht nur redet. Wir brauchen Politik, die uns nicht als Minderheit betrachtet, sondern uns auf Augenhöhe begegnet. Wer keine Politik macht, die diesen Kriterien entspricht, ist gegen uns.

Wenn sich inzwischen über 100 Städte und Gemeinden in Polen auf ihre Fahnen heften „frei“ von Menschen zu sein, die nicht in ihr hasserfülltes Weltbild passen, dann sprechen wir von einer Ghettoisierung, von der sich Europa schnellstens befreien sollte. Nicht nur im Angesicht seiner eigenen Geschichte. Denn Ghettoisierung führt zu Gewohnheit. Und solche Gewohnheiten führen in den Abgrund. Wenn wir zuschauen, wie Menschen weiter und weiter an den Rand gedrängt werden, dann reicht auch die Ausrede einer Pandemie nicht länger, um eine solche Marginalisierung zu rechtfertigen. Als Minderheiten behandelte Menschen werden in Krisenzeiten immer zu den ersten Opfern, weshalb sich gerade katholisch-konservative Kräfte über Krisen freuen, in denen die Rechte von LGBT Menschen in den Hintergrund treten. In denen sie die Rechte von LGBT Menschen mit Füßen treten können. Die Europäische Union tut ihrer eigenen menschenrechtlichen Glaubwürdigkeit etwas Gutes, wenn sie sich nun zur „LGBTIQ Freiheitszone“ erklärt. Eine wirkliche Freiheitszone wird sie aber erst durch Gesetze, die uns endlich verdeutlichen mehr als nur eine allenfalls geduldete und vor allem mehrheitlich abgelehnte, diskriminierte oder misshandelte Minderheit zu sein.

 

 

 

 

 

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