Die Lust an der Apokalypse

Die Lust an der Apokalypse

Vor 80 Jahren hat meine Großmutter als junge Bäuerin beim Dorfbrunnen auf das wollüstige Sabbern ihrer Nachbarinnen „Hast du schon gehört? Der Führer kommt an die Front!“ lautstark protestierend geantwortet: „Wenn unsere Männer kämpfen, ist es um ihn auch nicht schade!“ Das war ihre Art des Widerstandes in einer Zeit der Angst. Sie wurde flugs denunziert und inhaftiert. Wäre sie nicht schwanger gewesen, wäre sie ins KZ gekommen. Ein Satz.

Und ich hätte fast nicht existiert.

In der Kubakrise vor über 50 Jahren stand die Welt nur wenige Augenblicke vor einem Atomkrieg. Die Generation meiner Eltern kann sich gut daran erinnern. Mein Vater erzählt noch heute davon, wie sie damals mit angsterfülltem Blick aus dem Fenster Richtung Himmel schauten. Selbst als ich in den frühen 1980er Jahren die Volksschule besuchte, wurde von vielen Kindern noch brav Kalter Krieg gespielt. Denn vielleicht kämen ja irgendwann wirklich „die Russen“.

Und dennoch fiel die Mauer.

Auch meine Generation wurde frontal von der AIDS Epidemie erfasst. Zig Millionen Tote. Und immer noch werden wir von der heuchlerischen Sexualmoral einer unglaubwürdigen Institution belästigt, deren Vertreter sich über Jahrzehnte an ganzen Generationen von Kindern vergingen. Inzwischen lässt sich zumindest in einigen Teilen der Welt mit einer HIV-Infektion ein fast normales Leben führen.

Und der Fortschritt im Kampf gegen AIDS geht weiter.

Drei Tage vor meiner Musterung hieß es, dass der Einsatz österreichischer Soldaten im Balkankrieg möglich sei. Heute kann ich meine damalige Panik milde belächeln. Damals fand ich das nicht lustig. Vor allem nicht als ungeouteter schwuler Jugendlicher, der so einige Male mit „Scheiß-Schwuchteln, unterm Hitler hätte es das nicht gegeben!“ beschimpft, verfolgt und bespuckt wurde.

Und trotzdem lebe ich heute als selbstbewusster schwuler Mann.

Die ach gar böse Welt sei doch ach gar plötzlich in einem ach gar düsteren Loch gelandet. Europa ginge unter. Die Welt ginge unter. Die apokalyptischen Reiter stürmten auf uns herab. Immer öfter hört man bei politischen Reflexionen ein schwachsinniges kollektives Stöhnen.  Obwohl die Menschen immer schon verrückt waren.

Und die Welt sich immer weiterdreht.

 

 

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