Die Poesie der Erinnerung oder: im Schneckenhaus der Kindheit

Die Poesie der Erinnerung oder: im Schneckenhaus der Kindheit

Die Poesie der Erinnerung findet ihren Rhythmus der Selbstüberzeugung oft in schlichten Reimen. So zumindest erging es mir beim Verfassen meiner „Schnecke aus Stein“. Diese Schnecke gab es wirklich. Sie war eine große Spielfigur in einem Garten im Innsbrucker Olympischen Dorf, wo die Kindergartenkinder Ende der 1970er ihre ersten Schritte in sozialer Kompetenz zu lernen versuchten. Auf dieser Schnecke durften wir herumklettern. Und wir konnten uns im Schneckenhaus verstecken.

Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens führt mich in eben dieses Schneckenhaus. Wobei ich mich nicht im Zuge eines klassischen Versteckspiels darin verkroch. Um zu sehen, ob mich jemand finden würde. Nein, ich versteckte mich in dieser Schnecke, weil ich darauf hoffte, nicht gesehen zu werden. Schon im Alter von vier Jahren war mir klar geworden, dass es Grund zum Fürchten war, wenn andere mich sahen:

 

Die Kindheit wird zur Schnecke,

zur Kunstfigur aus Stein.

Die Furcht wird mir wohl bleiben.

Das Denken füllt das Sein.

 

Dieses Denken entfaltete sich zu einer lebenslangen Selbstreflexion, die mich über Schule und Studium hinaus zum Schriftsteller machte. Aus diesem Grund vermag ich heute auch dankbar zurückzublicken. Weil ich im Nachhinein betrachtet schon in diesen Kindheitsjahren zu begreifen begann, welchen übermächtigen Gegner es zu überwinden galt. Die Angst der Welt vor dem Anderssein. Weshalb ich ein Mantra lernte, das bis zum heutigen Tag in mir nachhallt:

 

Was könnten andere denken,

wird größte aller Fragen.

Ein Kind in Angst lernt schnell:

die anderen haben das Sagen.

 

Erst meine Beschäftigung mit Literatur verhalf mir zu einer Freiheit vor diesen Dämonen meiner Kindheit und meiner Jugend. Denn eine selbstbewusste Identität als schwuler Mann zu entwickeln ist eine Herausforderung, an der auch heute noch viele Menschen scheitern. Wer anders ist, soll nämlich umgehend in einem sozialen Vakuum eingesaugt werden. Damit er luftverpackt und handlich ganz unten im Kühlregal verstaut werden kann. Die Lemminge der Welt haben alle einen „besten Freund, der auch schwul ist.“ Aber sie haben keine Ahnung, wie es ist, wenn der Druck einer jahrhundertealten Herabwürdigung in wenigen Jahrzehnten abgebaut werden soll. Weshalb ich schon damals, versteckt im Schneckenhaus, erahnte, welchen Sieg ich mir zu erkämpfen hatte:

 

Doch der größte Sieg von allen

wird das Wühlen aus dem Schlamm

eines Kampfes um das Ich,

das noch jeden Dreck durchschwamm.

 

Erinnerung wird demgemäß dann zur Poesie, wenn wir schreibend erkennen, wie der Schlamm hinter uns zurückbleibt. Schritt für Schritt. Reim für Reim. Wenn die Freiheit in Worte gefasst wird. Die wir als Kind in einer steinernen Schnecke nie für möglich gehalten hätten. Denn ein erfülltes Leben ist immer noch getragen von der Überwindung unseres größten Feindes. Der Angst.

 

Freiheit ist die Lust am Leben,

die sich ohne Angst entfaltet.

Wer sich vor sich selber fürchtet,

wird von anderen verwaltet.

 

„Schnecke aus Stein“, in: „Zeit im Sand“ (Arovell Verlag, 2019)

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