Ein Spiel spielen

Ein Spiel spielen

Der stolze Vater erzählt mir, dass seine Tochter gerade mal zwei Jahre alt ist. Die junge Dame schaut mich mit einem Blick surrealer Lebensweisheit an. Die Spieleschachtel ist leer und sie weiß, dass sie von mir die Teile zum Spielen bekommt. Ihr Vater ist ein sanfter junger Mann von vielleicht dreißig Jahren, eine große attraktive dunkelhaarige Erscheinung, sichtlich geprägt von einem Schuldgefühl gut auszusehen. Er will nicht auffallen. Weil nur seine Tochter zählt. Die Fingerchen auf der Tischkante meines niedrigen Schreibtisches verblüffen mich. Dieser kleine Mensch hier packt schon jetzt gern selbst an. Eine Zielstrebigkeit, die auf eine gute Zukunft hindeutet. Vor allem, wenn ein Vater mit derartiger Liebe hinter ihr steht.

Ich muss mich von meinem Stuhl erheben, um das ganze Gesicht meiner kleinen Kundin zu sehen. Es ist ein akrobatisches Kunststück für sie, aber sie kriegt es hin und schiebt die Spieleschachtel über den Tisch näher zu mir hin. Ich betone einen offiziellen Tonfall in meiner Stimme und will sie fragen, ob sie das Spiel hier spielen oder ob sie es ausleihen möchte. Ich spreche mit sanfter tiefer Stimme. In ganzen Sätzen. Ohne Singsang. Ich mag es nicht, wenn Kinder mit lächerlichen Glucks-Lauten angesprochen werden. Mit weinerlicher und zumeist gebrochener Singstimme angesäuselt. Mit bruchstückhafter Grammatik. Weil man glaubt, dass Kinder zu dumm seien, alles andere zu verstehen.

Meine Erfahrung als Bibliothekar in der Kinderbibliothek hat mir beigebracht, dass Kinder weitaus klüger sind als die meisten Erwachsenen glauben. In diesem Moment fährt sie in die Tasche ihrer modischen Mini-Jeans, holt ihre Bibliothekskarte und schiebt sie mir über den Tisch. Ich bin inzwischen ganz aufgestanden und hoffe, dass sie nicht vor meiner Größe erschrickt. Ich bin über 1 Meter 90 groß. Sie reckt ihren Kopf hoch und blickt mir mit überzeugender Bestimmtheit in die Augen. Sie lächelt und kommt mir zuvor. Sie proklamiert mit unumstößlicher Freundlichkeit: „Dürfen wir dieses Spiel hier spielen? Das ist die Karte meines Papas.“ Sie weiß genau Bescheid, dass wir die Lesekarte als Pfand hinterlegen, wenn das Spiel hier bei uns gespielt wird.

Ich lächle, nehme die Karte entgegen und mache mich daran im Schrank hinter mir nach den dazugehörigen Spieleteilen zu suchen. Als ich die gewünschten Spieleteile vor ihren streng prüfenden Augen in die Schachtel gebe, denke ich mir, wie erstaunlich es ist, dass ein zweijähriges Kind so selbstbewusst sein kann. Und schon so eloquent. Ich schließe die Schachtel und schiebe ihr das Spiel vorsichtig entgegen. Sie nimmt es fröhlich entgegen und ruft laut: „Dankeschön!“ Ich bemühe mich so selbstverständlich wie möglich zu sagen: „Aber mit dem größten Vergnügen!“ Und ich schaffe es nicht den Gedanken an die Unfreundlichkeit vieler Erwachsener zu verdrängen. Während diese zweijährige wohlerzogene junge Dame ihr Spiel voller Freude in die Spielecke trägt. Gefolgt von ihrem stolzen Vater.

 

Foto: (c) Arnold Brunner

 

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