Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Erinnerung als Sand oder: der Boden unter den Füßen

Die IG Autorinnen und Autoren Tirol feierte kürzlich ihr 30jähriges Bestehen. Mit der Publikation einer Anthologie und einer Lesung. Unter dem Titel „Über die Jahre“ haben 47 Tiroler AutorInnen sich in Geschichten und Gedichten erinnert. An ganz besondere Wendepunkte, Ereignisse, Menschen, Erfahrungen. „Sie beobachten und reflektieren, sie vermengen Realität und Fiktion. Sie berichten und verdichten“ heißt es auf dem Buchrücken.

Vom wunderen Sujet „Erinnerungen“ motiviert, durfte auch ich zwei Texte dazu beitragen. Meine beiden Gedichte „Zeit im Sand III“ und „Zeit im Sand V“ sind Auszüge eines kleinen lyrischen Zyklus, der den wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben zum Thema hat. Den Tod meiner Großmutter, die 1993 nach einem grauenerregenden vier Jahre langen Kampf gegen den Knochenkrebs starb. Als ich gerade siebzehn war.

Ich merke auch viele Jahre später nach dem Verfassen der Gedichte, dass die Erinnerung lebt. Die Erinnerung an die erste große Initiation in die Wirklichkeit eines „nun-doch-nicht-mehr“-Kindes. Die Erinnerung an die Erkenntnis der Realität des Todes. Die Erinnerung, die mich später zum Schreiben meines ersten Romans (unter Pseudonym) motivierte. „Der bange Traum“ ist mittlerweile nicht mehr erhältlich. Und doch enthält er noch heute eines: eine große Erinnerung.

Vor allem aber erfüllt mich beim Lesen meiner Gedichte die Erinnerung an die Erkenntnis, dass ein Gott, „der alle Menschen liebt und allmächtig ist“, eine weichgespülte Erfindung schlichter Gemüter ist. Sein muss. Eine kleine zuckersüße Einbildung, die uns das Leiden erklärt, indem sie es nicht erklärt. Mehr als ein Vierteljahrhundert später lese ich diese Zeilen und merke erneut, dass das Schreiben mir den Boden unter den Füßen bewahrt.

 

„Über die Jahre“

Cognac und Biskotten, 2018

 

Weitere Informationen hier.

 

 

Mein erster Roman. Damals noch unter dem Pseudonym „Simon M. Jonas“.
Bei der Buchpräsentation in der Stadtbibliothek Innsbruck am 11. Dezember 2018.
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