Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Gesungene Politik oder: Warum ich Unterschiede mag

Die Wiener Stadthalle wirkt wie ein utopischer Kinosaal der Siebziger Jahre. Der rubinrote Farbton am Boden, an den Wänden und an den Kinosesseln erweckt ein Wohlgefühl zwischen dem Unterhaltungsfaktor des neuesten Box Office Hits und einer notenfreien Vorlesung in internationaler Politik. Ganz ohne intellektuelle Selbstbeweihräucherung bei den üblichen komplexbeladenen Ritualen in versteckten Elfenbeinturmkämmerchen selbsternannter Eliten.

Die Bühne ist so schlicht, dass keinerlei Ablenkung eine Distanz zwischen Publikum und Band zu schaffen vermag. Der schwarze Vorhang sorgt dafür, dass das Hauptaugenmerk sofort auf die Mitte der Bühne gerichtet wird, wo die Instrumente eine verblüffende Lässigkeit ausstrahlen. Der Eindruck einer aufgeräumten Garage befällt einen, in der dein bester Freund die ganze Clique einlädt, um in ausgelassener Stimmung ein paar Songs zum Besten zu geben. Die Clique sind 3000 Menschen, die sich an diesem Februar-Abend in der von Nebeln behangenen Landeshauptstadt versammelt haben, um mit dem Wind der alten Tage neue Horizonte anzustreben.

Ich sitze gleich nach Einlass auf meinem perfekten Platz in der ersten Reihe und beobachte die in die Halle strömenden Massen. Die friedliche Gemeinschaft einer pluralistischen Gesellschaft wird von konservativer Seite immer wieder als Utopie diffamiert. Multi-Kulti könne unter keinen Umständen funktionieren. Wo Unterschiede aufeinander treffen, wären Menschen automatisch dazu gezwungen sich zu hassen.

Dieser Abend erzählt eine andere Geschichte.

Die erwarteten Alt-Hippies, die beim Eintauchen in ihre glühende Jugend in den Sechziger Jahren bis zum heutigen Tag an ihrer Kleidung und an ihren Haaren zu erkennen sind, machen eine ungeahnt kleine Minderheit des Publikums aus. Nostalgie als Illusion wird bei meinen Beobachtungen von gesellschaftspolitischer Realität überrascht.

Neben mir nimmt ein gepflegt gekleidetes deutsches Elternpaar mit der vielleicht siebenjährigen Tochter Platz. Geschäftsleute in ihren Vierzigern, die in ihrer Lebensgeschichte wohl gerade noch erkannt haben, dass ein Kind genauso erfüllend sein kann wie jede noch so steile Karriere. Das kleine Mädchen vermag voller Begeisterung und mit hervorragendem Stimmpotential alle Joan Baez Hits mitzusingen.

Eine achtköpfige türkische Großfamilie setzt sich hinter uns. Die Kleidung der Frauen spiegelt den Wandel der Zeit wieder. Die beiden Enkelinnen tragen kein Kopftuch. Weder der Patriarch noch die in wallende Traditionskleidung gehüllte Großmutter scheinen damit ein Problem zu haben.

Ein paar Reihen rechts hinter mir sitzt ein händchenhaltendes schwules Paar. Sie wirken wie zwei Studenten, die bei den Uni-Streiks im Dezember gewiss das eine oder andere Mal an die politischen Aktivitäten von Joan Baez gedacht haben.

Eine amerikanische Touristengruppe weiter links lacht laut und mitreißend in ihrer Vorfreude auf das Konzert.

Ein beleibter und laut schnaufender Beamter in viel zu engem Anzug walzt mit glücklichem Gesicht an mir vorbei und ruft seine Gattin, die als einzige des Abends ein glitzerndes Ballkleid trägt, mit auffälligem Wiener Dialekt zur Eile an.

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Ich mag Unterschiede.

Ein Konzert von Joan Baez hat erstaunlich viel mit Freundschaft zu tun. Joan Baez zu besuchen bedeutet eine alte Freundin zu besuchen. Nicht in der Illusion die Heldin des Abends persönlich zu kennen. Nicht in der Beruhigungsfloskel alteingesessener Wiener Sozialdemokraten. Vielmehr in der Atmosphäre, dass alle Besucherinnen und Besucher des heutigen Abends – trotz all ihrer Unterschiede – das gleiche Interesse haben. Und dieses Interesse hat mit weit mehr als nur mit einem Konzert zu tun.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert ist die Stimme zwar nicht mehr so glockenhell wie in den 1950er Jahren, aber in ihrer Sanftheit und Wandlungsfähigkeit wirkt sie vertrauter als je zuvor. Die Geistlosigkeiten zahlloser in die Welt gerülpster Casting-Shows, kulturindustrielle Produktionsergebnisse der allerneuesten Hitparaden, die morgen schon ganz anders aussehen, kleine künstliche Kothäufchen, die pausenlos in Plastikkörbe kullern, um sofort auf einer großen Müllhalde zu landen – diese Wolken verpuffen ins Nichts, wenn das richtige Lied zur richtigen Zeit von der richtigen Stimme gesungen wird.

In einem schicken schwarzen Hosenanzug betritt sie die Bühne und steht ganz plötzlich vor ihrem Mikrophon. Das Charisma eines halben Jahrhunderts Weltgeschichte wird in gesungene Authentizität verwandelt. Sie hätten für den heutigen Abend keine fixierte Set-List im Gepäck, erklärt sie fröhlich. Sie spricht nicht nur von sich selbst. Die Ikone einer Generation spricht im Plural. Ihre Band und sie sind eine Einheit. Und das Publikum erhält für einen Abend das Vergnügen Teil dieser Einheit zu werden.

„When first I came to Louisville, some pleasure there to find…“ Mit diesen Worten beginnt Joan Baez die Geschichte einer gewissen Lily aus dem Westen und offeriert dem Wiener Publikum nicht nur gesungene Folklore aus den USA, sondern ebenfalls ein großes Vergnügen. Bereits das zweite Lied ist ein Anti-Kriegslied. Ihr Land befindet sich im Krieg. Wieder einmal. Denn Krieg ist eine große Welle. Und wer nicht früh genug den Gipfel erklimmt, hat Pech gehabt. Die USA sind nicht umsonst berühmt für ihre talentierten Surfer. Bei „Scarlett Tide“ erlaube ich mir den Gedanken, dass Friedensnobelpreise auch vergeben werden, indem der Krieg verteidigt wird.

Es ist klar, wer den Friedensnobelpreis eigentlich verdient hätte.

„Silver Dagger“ (aus ihrem Debütalbum aus dem Jahre 1960) beginnt mit den Worten „Don’t sing love songs…“ und ich denke mir: doch, sing uns Liebeslieder! Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, beginnt gleich darauf einer meiner Favoriten: „Love song to a stranger“. Und ich frage mich, ob ihr Unterbewusstsein dabei eine Rolle spielt, aber nach ihrem Liebeslied für einen Fremden singt sie einen Klassiker von Bob Dylan. „Farewell, Angelina“ hat in seinem Grundton auch etwas von „Farewell, Bob“ und danke, dass du dich in der PBS Dokumentation über deine alte Flamme nach über vierzig Jahren dazu herabgelassen hast, dich bei ihr für dein arrogantes Verhalten zu entschuldigen! So viel nur in Kürze von einem, der von Bob Dylan nicht so viel hält wie andere.

„Gospel Ship“ erzählt von einer spirituell erfüllten Reise in den Himmel. Joan Baez erklärt den Zusammenhang des Liedes so, dass die ganze Halle lacht. Das Thema Sterben passt in trauriger Weise aber auch zum darauf folgenden Anti-Kriegslied „Wenn unsere Brüder kommen“, aus der Feder des deutschen Liedermachers Konstantin Wecker, mit dem Joan Baez Ende der Achtziger Jahre (gemeinsam mit der kürzlich verstorbenen Mercedes Soza) eine erfolgreiche Konzerttournee unter dem Motto „Three Voices“ absolviert hatte.

Wenn Joan Baez ein derartiges Lied anstimmt, kommt mehr als nur der richtige Song zur Geltung, sondern eine Haltung. Diese Haltung wird vom Publikum geteilt. Es gibt ihn nicht und wird ihn auch nie geben: den gerechten Krieg. Wenn alle nur in den Krieg ziehen, um sich zu verteidigen – gäbe es keinen Krieg. Dann wäre die verstaubte Ausrede der Ultima Ratio ad absurdum geführt und es gäbe keine fiktiven Bedingungen, unter denen Krieg zu etwas ganz Wunderbarem wird, keine lauthals vorgetragenen Argumente, warum wir den Krieg unbedingt brauchen. Wir würden nicht länger an alte sexuell frustrierte Bartträger glauben, die auf irgendwelchen Wolken in irgendwelchen Himmeln ihre Zauberstäbe schwingen und uns befehlen, dass wir für sie gefälligst in den Krieg zu ziehen hätten.

Wer für den Krieg ist, findet Töten gut.

Konstantin Wecker ist mir zwar immer noch lieber als Dylan, aber während Joan Baez ihre größte Herausforderung des Abends angeht und beim Singen von einem Notenständer die phonetisch aufgeschriebenen Worte in deutscher Sprache herunter liest, denke ich mir siegessicher: wer braucht die Männer! Und seien es auch der im nächsten Lied besungene „Railroad boy“, ein weiterer Folk-Klassiker aus ihren frühen Aufnahmen.

Das berühmte Bild der zwanzigjährigen Joan Baez mit den marienhaften schwarzen langen Haaren kommt mir in den Sinn – sie lehnt sich an einen Baum, mit verschränkten Armen und einem wissenden Lächeln. Der Schatten der Blätter auf ihrer Bluse. Ich frage mich, ob sie sich 1961 ausgemalt hat, dass sie so viele Jahrzehnte später noch immer umjubelte Tourneen weltweit ausverkaufter Konzerte geben würde.

„The answer, my friend, is blowin‘ in the wind…“

Mit dem Arbeiterlied „Joe Hill“ kommt zwar zugegebenermaßen immer noch das Woodstock Klischee zur Geltung (einer der wichtigsten Auftritte ihrer Karriere war ihre Darbietung dieses Liedes auf dem berühmtesten aller Open Air Konzerte im Jahr 1969), aber die Bedeutung des Textes erfüllt mich auch mit einem mulmigen Gefühl. Es gibt keine Arbeiterbewegung mehr. Es gibt eigentlich kaum noch Bewegung. Wir sind erstarrt. Mit dieser Resignation treten wir uns selbst ins Knie. Besonders in Zeiten wie den unseren.

Nach der Leonard Cohen Ballade „Suzanne“ folgt eine persönliche Geschichte. Die Eltern von Joan Baez waren viele Jahre schon geschieden, als ihr Vater (der berühmte Physiker Albert Baez) mit über 90 Jahren an seine gleich alte Ex-Gattin herantrat mit der Erkenntnis, dass er nicht als unverheirateter Mann sterben und sie die einzige Frau sei, die er heiraten wolle. Auf die Frage ihrer Tochter was sie denn nun tun würde, antwortete die Mutter mit charmantester Lässigkeit: „Oh, what the heck!“ und so wurde zweite Hochzeit gefeiert. Unter anderem sang Joan Baez bei dieser Feier das Lied „Forever Young“. Das Amüsement des Publikums über diese Familienanekdote vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, dass sie beim Anstimmen dieses Klassikers in der Wiener Stadthalle Tränen in den Augen hatte.

Albert Baez war 2007 im Alter von 94 Jahren gestorben.

Von der persönlichen Ebene springt sie sogleich wieder über zur politischen Dimension – auf mitreißend persönliche Art und Weise. Wenige Tage vor ihrem Tournee-Auftakt hier in Wien war sie nämlich eingeladen worden mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen im Weißen Haus für Präsident Barack Obama und seine Gäste in einem Konzert der Musik der Bürgerrechtsbewegung zu gedenken. Es ist unbestritten: ohne die von einem der eloquentesten Aktivisten organisierter Gewaltlosigkeit geführte Bewegung der Fünfziger und Sechziger Jahre gäbe es heute keinen schwarzen Präsidenten in Amerika. Und ohne Musik wäre die Bürgerrechtsbewegung gewiss nicht so weit gekommen.

Man mag politisch von ihm halten, was man will – die Tatsache, dass zahlreiche faltige Überbleibsel des Ku-Klux-Klans (und diverse Republikaner, die vehement dagegen sind, dass alle ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger eine Gesundheitsversorgung erhalten) sich samt ihrer Ideologie weinkrampfgebeutelt am Boden wälzen und nichts gegen die Hautfarbe ihres demokratisch legitimierten Präsidenten zu tun in der Lage sind, lässt die Herzen zahlloser Menschen weltweit höher schlagen.

Der Wahnsinn kann nicht für immer siegen.

„We shall overcome…“ sang Joan Baez im August 1963 für Martin Luther King und die Menschenmassen auf dem historischen Marsch nach Washington. Barack Obama war in seinem Wahlkampf 2008 der bislang einzige Präsidentschaftskandidat gewesen, den sie offiziell unterstützte und scheint der personifizierte Beweis dafür zu sein, dass sie mit ihrer Annahme von damals recht behalten sollte. Keine amerikanische Präsidentenwahl kann sich künftig mit breitem Rassistenhinterteil in die Dreckslacke setzen, in der ein Präsident nur wegen seiner Hautfarbe nicht gewählt werden darf.

Fast 47 Jahre nach der vielzitierten Rede über Martin Luther Kings Traum stand Obama als schwarzer Präsident im weißen Haus vor Joan Baez und tat ihr als galanter Gastgeber mit fast schon jugendlicher Begeisterung kund, wie sehr er sich freute, dass sie an diesem Abend hier war. Nachdem das größte und ganz und gar unpolitische Problem des Abends die Wahl der richtigen Frisur und des richtigen Outfits war, wurden durch den Wintersturm über Washington die Schuhe zum unüberwindbaren Hindernis für Joan Baez. Die Kälte ließ die Aktivistinnen-Füße in ihren Schuhen wie in einem „Gospel Ship“ vor und zurück rutschen. Der Zeitdruck zwang Martin Luther Kings ergraute Mitstreiterin dazu barfuß im Weißen Haus anzutanzen. Sie freute sich über die Ehrbekundungen des mächtigsten Mannes der Welt und lachte mit ihm, als dieser an ihr herunterblickte und wie Martin Luther King zu besten Zeiten der Bürgerrechtsbewegung mit siegessicher erhobenen Faust ausrief: „Barefoot in the White House? Yeah!“

Bei ihrer weltbekannten Hymne im Weißen Haus streute Baez neben den Rosen für das Präsidentenpaar gekonnt ein instrumentales Zwischenspiel ein und erlaubte sich dabei einen dezent gehaltenen und gerade deshalb so überzeugenden politischen Kommentar gegen den Afghanistan-Krieg der USA.

In Wien singt sie nach dieser Anekdote ihr ganz persönliches Arrangement von „Swing Low, Sweet Chariot“. Ich verdränge meinen Widerwillen gegen religiöse Lieder und genieße ihre Stimme, mit der sie neben dem Mikrophon-Ständer stehend in völliger Natürlichkeit problemlos die Halle zu füllen vermag.

Bevor sie unter ohrenbetäubendem Applaus einen ihrer größten Klassiker „Diamonds and Rust“ anstimmt, erzählt sie noch von ihrer Einladung zu einem weiteren Staatspräsidenten. Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer scheint (wie so viele Mächtige dieser Welt) ein großer Fan von Joan Baez zu sein und lud sie am Vortag des Konzertes in die Hofburg ein. Sie berichtet hocherfreut über ihren Besuch und erzählt uns für wie „…lovely…“ sie ihn hält.

Bei dieser hochrangigen Unterhaltung ging es unter anderem auch um die Politik Kaliforniens, dem Heimat-Bundesstaat von Joan Baez, und auch wenn Heinz Fischer seine übliche Zurückhaltung an den Tag legte (man könnte auch österreichische Möchtegern-Noblesse dazu sagen, aber das ist eine andere Geschichte), konnte sich sein Gast folgende Feststellung über einen berühmt-berüchtigten Exil-Österreicher in den USA nicht verkneifen: „Schwarzenegger is an idiot!“ Wir applaudieren, denn sie hat recht. Mit dem unbeholfenen Akzent eines Österreichers, der nach 40 Jahren in den USA noch immer nicht richtig Englisch kann, zitiert sie Mr.-Versteinertes-Gesicht: „Kkkalifornia iss se moust beautifulll kauntry in se wooorld!“

Das Publikum schüttelt sich vor Lachen und scheint kollektiv aufzuatmen, als sie endlich „Diamonds and rust“ anstimmt. Kein Konzert ohne ihren größten Hit aus den Siebziger Jahren. Wenn „We shall overcome“ eine gesellschaftliche Hymne ist, dann ist „Diamonds and rust“ ihre persönliche Hymne. Nur sie und ihre Gitarre und ein nostalgisches Liebeslied, das zurück blickt auf ihre Beziehung zu Bob Dylan. Es ist seltsam, Dylan kommt mir selten in den Sinn, wenn ich dieses Lied höre. Wir stolpern alle über Diamanten und immer wieder auch über Rost.

Und das ist gut so.

Denn das ist das Leben.

Bei „Long Black Veil“ kommt Country-Stimmung auf und ich male mir aus, wie Sarah Palin und ihre Tochter mit dem unehelich empfangenen Kind im Arm mit der Kraft der Ariel-reinen sexuellen Unbeflecktheit ihre Bibeln in den Mülleimer werfen, ihren Fundamentalismus vergessen und mit uns singen. Doch den Palins wäre ein Joan Baez Konzert wie auch alles andere auf dieser Welt ganz bestimmt zu sozialistisch.

Das Klatschen wird lauter, als das Finger-Picking von Dylans „Don’t think twice, it’s alright“ beginnt. „It ain’t no use to sit and wonder why…” und aus irgendeinem Grund muss ich an die Uni denken. Theorie allein ist wie die Karotte, die der Esel nicht erreicht. Und mag er auch noch so schnell laufen. Wir fragen uns warum und wenn wir es wissen, interessiert es uns nicht mehr.

Ein wenig wie in Schlusskapiteln unserer Liebesgeschichten, da hat Dylan schon recht.

„Jerusalem“ von Steve Earle ist das Abschlusslied und wenn ich an die zahlreichen Generationen denke, die mittlerweile mit diesem Krieg um sogenanntes heiliges Land beschäftigt sind, dann frage ich mich: was bringt er nun, der tolle Krieg? Offensichtlich nichts. Zumindest nicht für die Betroffenen. Denn „heilig“ ist hier seit Jahrzehnten ein Synonym für „blutgetränkt“. Und irgendwie wirkt das Heilige Land dadurch recht unheilig.

So scheint es zumindest.

Joan Baez hat die Bühne noch nicht ganz verlassen, da folgt auch schon das rhythmische Stampfen von 6000 Füßen und die Rufe: „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“ Ein kurzer Moment zum Verschnaufen sei der Künstlerin und ihrer Truppe erlaubt, aber nach wenigen Augenblicken kommt sie ohne Band und begleitet von frenetischem Applaus zurück. Das Publikum ist mittlerweile aufgesprungen und drängt zur Bühne. „Sag mir wo die Blumen sind“ singt sie mit etwas stärkerem Akzent als Marlene Dietrich und als ihr eine Zeile im Refrain nicht mehr einfällt, deutet sie mit erwartungsvollem Lächeln zum Publikum, das ihrer Erinnerung mit machtvollen und überraschend harmonischen Stimmen auf die Sprünge hilft.

Es ist von vornherein klar, dass eine Zugabe nicht reichen wird.

Die Matriarchin winkt ihre Familie zu sich und die Band nimmt ihre Plätze ein, um „The night they drove all Dixie down“ zum Besten zu geben. Die Halle tobt vor Begeisterung. Einer der wenigen Top Ten Single Hits in der Karriere von Joan Baez – zu einer Zeit, als viele im Publikum noch nicht geboren worden waren.

Nicht alle sprechen Spanisch, aber alle singen beim darauffolgenden Lied aus tiefster Lunge mit. Als die ökonomischen Eliten Chiles unter tatkräftiger Unterstützung von General Augusto Pinochet und der Regierung in den USA das zwar demokratisch legalisierte aber in ihren Augen abtrünnige Chile zurück auf den tugendhaften Pfad des Kapitalismus brachten und damit die moderne Globalisierung einläuteten, bedeutete dieser Kampf um wirtschaftliches Wachstum Folterlager, Massenmord und Diktatur. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s dann offensichtlich doch nicht allen gut. Zu dieser Zeit entstand das berühmte spanische Album „Gracias a la vida“, dessen Titellied der Mutlosigkeit ins Gesicht singt.

Zu guter Letzt stellt sich die musikalische Familie auf der Bühne für den A Kapella Abschied mit „Angel Band“ auf. Es mag mich täuschen, aber mir scheint, dass vor allem die Harmonie zwischen Joan Baez und dem Percussion-Spieler auffällt.

Gabriel Harris ist ihr Sohn.

Minutenlanger Applaus verabschiedet eine Sängerin, die so viel mehr in ihrem Leben getan als nur gesungen hat. Das Licht geht an. Der Film ist vorbei. Und obwohl wir wissen, dass poetische Gerechtigkeit ins Reich der Fiktion gehört, haben wir alle wieder ein kleines bisschen mehr Hoffnung auf ein Happy End. Während auf der Bühne die Geschäftigkeit des Abbaus beginnt, betteln einige ganz besonders fanatische Anhänger darum die liegen gebliebenen Spickzettel von Joan Baez fotografieren zu dürfen.

Wir schlendern hinaus und ich denke zum ersten Mal an diesem Abend an mein kürzlich doch endlich erfolgreich absolviertes Doktorat. Fünfzehn Jahre lang hat mich das Leben und Werk von Joan Baez nun beschäftigt und allen Unkenrufen zum Trotz habe ich mit meiner Arbeit über die politische Stimme von Joan Baez bewiesen: auch ein unorthodoxes Thema vermag sich in den Eliten einer österreichischen Universität durchzusetzen.

Mein übergroßer Minderwertigkeitskomplex als Jugendlicher mitsamt der dazugehörigen Orientierungslosigkeit, die Vertretern meiner Generation von jeher eingeredet wurde, wirkt auch in der Erinnerung unwirklich.

War es wirklich so?

Ich muss mit mir selbst lachen.

Wie gut, dass eine pluralistische Gesellschaft sich an so etwas nicht stört.

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