Ich bin eine Mathe-Schularbeit oder: die Schönheit meines Kopfes

Ich bin eine Mathe-Schularbeit oder: die Schönheit meines Kopfes

Zu allen Zeiten und überall auf der Welt hat sich ein Teil der Männer und Frauen nach einer intimen Beziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts gesehnt. (Robert Aldrich)

 

Wenn das Gute den Preis des Schlechten kostet – ist es dann noch gut? Ist das Streben nach Glück wirklich so vermessen? Staat und Kirche haben noch nie eine harmonische Ehe geführt und sind seit langem geschieden – warum streiten sie sich noch immer über das Sorgerecht, obgleich die Kinder schon erwachsen sind? Ich kann es nicht verhehlen: das Pathos solcher Fragen gefällt mir. Und zwar so gut, dass mich derartige Überlegungen immer wieder besuchen. Wie alte Bekannte, die halt ein wenig anders sind. Jene Menschen, die man in ihrem Verhalten zwar nicht zu verstehen vermag, aufgrund ihrer Andersartigkeit aber doch auch ein kleines bisschen gernhat. Denn nur durch sie schaffen wir es zu lernen. Und so lernte auch ich.

Ich lernte mich zu kämmen.

Wenn mir beim Verlassen des Hauses ein Windstoß die Frisur zerstört, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht über die Farben des Herbstes zu freuen weiß. Ich liebe den Herbst und genieße den Wind auf meinem Gesicht. Der Duft der Veränderung fällt mir um den Hals und will freudig mit mir tanzen. Die viel zitierte Herbstdepression sehe ich nur bei den anderen. Nicht nur dafür tun sie mir leid und ich frage mich, was ich unternehmen kann, um sie von der Schönheit des Herbstes zu überzeugen. Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind. Ich wurde als schwuler Mann in der letzten wahrhaften und wehrhaften Bastion katholischer Frömmigkeit in unserem Land mit allerlei Wind konfrontiert und habe bereits zahlreiche Haarpflegeprodukte ausprobiert.

Der allseits bewährte Dreiwettertaft etwa, der auf einem besonders hohen Ross daher galoppiert. Ich akzeptiere dich. Denn es obliegt meiner Befindlichkeit und meiner Huld darüber zu entscheiden, ob du akzeptiert wirst oder nicht. Deshalb ist die Essenz deiner Existenzberechtigung Teil meines selbst gestalteten Programmfolders. Ich schreibe dich ins Programm. Wenn mir danach ist. Vielleicht auch nicht. Wir werden sehen. Eine kleine Fußnote wird schon drin sein. Denn ob es gerade regnet oder stürmt; egal, wie heiß die Sonne scheint: Dreiwettertaft – die Frisur hält!

Ich fliehe vor dem Wind in den Bus und nehme hinter einer Gruppe pickelgesichtiger Jugendlicher Platz. Sie unterhalten sich über ihre Schulnoten. Heute wird ihnen der Lehrer die Ergebnisse ihrer Mathematik-Schularbeit mitteilen. Ihre Sympathie für den Lehrer ist ungefähr so groß wie für die Schularbeit, deren Pein die Ärmsten vor einer Woche zu ertragen hatten: „Boah, das war voll die schwule Schularbeit und der schwule Lehrer ist so mega-voll total schwul!“ Ich zupfe mir meine zerzausten Haare zu Recht, weil ich draufkomme, dass Werbung immer lügt und frage mich, was ich von meiner neuen Identität zu halten habe.

Ich bin eine Mathe-Schularbeit und bräuchte ganz dringend einen Kamm.

Einige der Kinder verlassen den Bus. Ein kleiner Junge drängt einen noch kleineren Jungen hinaus, obwohl dieser augenscheinlich noch nicht aussteigen will. Er faucht den verängstigen Buben an: „Aus dem Weg, du schwule Sau!“ und scheint die Berührungen mit seinem Opfer möglichst lange auskosten zu wollen. Die Tür schließt sich und eine Mutter wird sich heute wohl darüber ärgern, dass das Essen kalt geworden ist, weil ihr Sohn zu spät nach Hause kommen wird.

Eine alte Frau mit schlecht gefärbter Dauerwelle sitzt vor mir. Ihre amateurhaft behandelte Mischung aus Tönung und Naturhaarfarbe erzeugt einen vergilbten Schimmer, der zusammen mit der Tatsache, dass diese Haare höchstens einmal die Woche gewaschen werden, überaus ekelerregend wirkt. Sie erzählt mir ungefragt davon, dass verzogene Kinder immer das Resultat schlechter Mütter sind. Sie hingegen wäre eine gute Mutter gewesen. Arbeitende Mütter könnten sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern. Also waren immer die Mütter schuld. Ich ignoriere sie und blicke aus dem Fenster, um nicht auf die schweißigen Strähnen, die an ihrer Stirn kleben, starren zu müssen. In Gedanken gehe ich meine Einkaufsliste durch. Nass-Gel oder Wachs? Das ist hier die Frage.

Vor dem Regal im Geschäft fällt meine Aufmerksamkeit auch auf einen stark vergünstigten Balsam. Billigprodukte werden immer auf Augenhöhe platziert. Billigprodukte wie die Eingetragene Partnerschaft, mit der zwar Weltoffenheit demonstriert werden soll – nach der Wahl ist schließlich vor der Wahl! –, wo Schloss und Riegel der guten alten Zeit aber genauso bewegungslos vor sich hin rosten wie schon immer. Schloss und Riegel einer Zelle, in der ich noch vor wenigen Jahrzehnten gelandet wäre. Ein paar weitere Jahre zurück und die Kerkerhaft wäre mir wie Gottes Segen vorgekommen. Und dieser Gott wäre ganz eindeutig der katholische Gott gewesen. Einen anderen gibt es schließlich nicht. Den Universalitätsanspruch sollten wir nicht vergessen. In der ganz besonders guten alten Zeit wäre ich nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit in der Gaskammer gelandet. So wie ich persönlich Menschen kenne, die ihr Haarspray mit den Worten versprühen: „Scheiß-Schwule! Unterm Hitler hätte es das nicht gegeben!“

Bei diesem Gedanken greife ich nach dem Billig-Balsam und bin froh, dass der Handel mir zumindest irgendwie ermöglicht meine Haare zu pflegen. Noch dazu so günstig, dass ich mich nicht beklagen darf. Das Shampoo ist nämlich immer halb voll. Wenn ich verliebt bin und Hand in Hand am Landestheater vorbeispaziere, dann ist es gut, dass hinter mir die abfällige Stimme ertönt: „Schau mal, die Schwuchteln!“ Schließlich hätte es ja auch sein können, dass mir nicht nur eine Stimme, sondern ein Messer in den Rücken fährt. Das wäre durchaus als ungesund zu bewerten und deshalb darf ich froh sein, dass sich die Dinge verbessert haben. Warum also noch jammern? Die Haare sind gewaschen und geföhnt – deshalb braucht es auch keine weitere heiße Luft mehr.

Und selbst wenn ich Gefahr laufe von irgendwem nicht ganz so nett behandelt zu werden, so wäre auch das halb so schlimm, denn George Michael singt ja wirklich nicht so schlecht, oder? Und vor allem hat er schöne Haare! Und in der Lindenstraße gibt’s doch einen Schwulen mit passender Frisur, nicht wahr? Wenn ich mir also Sorgen um meine Gesundheit mache, brauche ich nur die Heilige Messe zu besuchen. Denn das Gebet hilft gegen jede Krankheit. Das Gebet und die Askese. Jene Askese, die uns zahlreiche katholischen Priester so überzeugend darzubieten in der Lage sind, während sie über viele Jahre hinweg sich an schutzlosen Kindern vergehen. Weil sie es sich wert sind. Und vor allem jenes Gebet, das so viele Glatzen mit panischer Hoffnung erfüllt.

Herr, lass mir Haare wachsen!

Ich stehe an der Kassa und frage mich, ob mein Geld weniger wert ist als das der anderen. So wie mein gesundes Blut, Plasma und Knochenmark weniger wert sind. Menschen müssen sterben, weil ein paar graue Erpel sich quakend über mein Blond echauffieren und die Tatsache, dass sich keiner daran stört, macht das Sterben auch nicht leichter. Die Kassiererin bedankt sich fröhlich bei mir und ich wünsche ihr zum Abschied erfreut noch einen schönen Tag. Schön, dass es Menschen gibt, die einem mit Respekt begegnen.

Katholischer Respekt findet sich infolgedessen an den Haarwurzeln. Gelebte Homosexualität ist eine schwere Sünde. Respekt juckt. Mit dem richtigen Shampoo wird man ihn los. So wie die Armenspeisung dafür sorgt, dass es keine Armen mehr gibt. Armenspeisung ist nämlich etwas Gutes – da werden den Bettlern auch die Haare gewaschen. Ich betrete meine Wohnung und bin es plötzlich leid mir Gedanken über meine Haare machen zu müssen. Die Zeit und das Leben sind zu kostbar. Das Surren des Haarschneide-Gerätes tanzt über meine Kopfhaut. Die Läuse, die verschiedene Affen mir aus den Haaren zupfen wollen, gibt es gar nicht. Ein paar letzte Stoppeln werden eingeschäumt und am Schluss bewundere ich stolz meine glänzende Glatze. Kein Härchen bleibt übrig. Kein Zweifel.

 

 

 

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