Krisen und Erinnerungen

Krisen und Erinnerungen

Unser Erinnerungsvermögen scheint im Angesicht einer Krise besser zu funktionieren als sonst. Wenn wir nicht wissen, wie wir (etwa auch im Angesicht weltpolitischer Bestürzung) mit der Wirklichkeit umgehen sollen, heben sich unsere Erinnerungen plötzlich deutlicher hervor als sonst. Sehen wir auf einmal klarer. Diese Erfahrung macht sich vor allem bemerkbar, wenn eine bedrohliche Fassungslosigkeit um sich greift. Dann versucht sich das eigene Denken der Illusion hinzugeben, dass die Vergangenheit vielleicht einen Anhaltspunkt bieten könnte, um der Fassungslosigkeit doch noch entkommen zu können. Ich komme gerade von einer Demonstration gegen den Krieg nach Hause, wo ich daran erinnert wurde, dass wir nicht „für den Frieden“ zusammenstanden. Während wir ein paar bunte Schilder hochhielten. Fahnen. Stofffetzen. Wir taten es nur zu unserer eigenen Beruhigung.

Dabei erinnerte ich mich. Wie ich im November 1989 in unserem Wohnzimmer am Boden saß, mit dem Rücken zu einer alten bäuerlichen Kredenz. Wir sahen fern. Ich blickte mit jener Neugier eines 13-jährigen zu unserem großen Röhrenfernseher hinüber, die es braucht, um Erwachsene nachzuahmen. Erwachsene sehen täglich Nachrichten. Also wollte ich das auch tun. Ich weiß noch, wie mein Vater am Tisch saß und mit offenem Mund zum Fernseher starrte. Ich sah auf dem Bildschirm Menschen auf einer Mauer tanzen und dachte an Humpty Dumpty in „Alice im Wunderland“, während mein Vater  plötzlich mit selten lauter Stimme seine grenzenlose Verblüffung kundtat, dass die Berliner Mauer tatsächlich der Geschichte angehören sollte. Dass der Kalte Krieg zu Ende gehen sollte.

Einige Jahre später begann ich mein Studium der Politikwissenschaft und sollte noch einige Male beigebracht bekommen, dass die Menschheit so etwas wie „das Plateau der Geschichte“ erreicht haben solle, dass wir mit der Überwindung des Kalten Krieges in eine neue Ära menschlicher Geschichte eintreten würden. Die politischen Ideologien seien plötzlich nicht mehr wichtig. Die Weltordnung würde nur noch von Kulturen geprägt werden. Einiges hat sich diesbezüglich in den letzten 30 Jahren auch bewahrheitet. Nichtsdestotrotz zeigen diese letzten Tage und Wochen, dass wir dabei letzten Endes dennoch nur einer Illusion anheimgefallen sind. Innerhalb weniger Tage fällt in allen Medien, an allen Biertischen, in allen Wohnzimmern dieser Welt immer öfter das Wort „Weltkrieg“. Der Kalte Krieg war nie vorüber. Wir haben ihn nur verdrängt.

Unser Naturell auf unverarbeitete Traumata mit Verdrängung zu reagieren dürfte wohl die Wurzel allen Übels sein. Denn irgendwann explodiert alles, was wir verdrängen. Egal, ob es unsere Erfahrungen während jahrelangem Mobbing in der Schule sind. Egal, ob es um die homophobe Entwürdigung geht, die der Konservatismus uns Jahr für Jahr ins Gesicht kotzt. Egal, ob es unser Liebeskummer nach einer Trennung ist, über den wir zwanzig Jahre nicht nachdenken wollen. Egal, ob es die Erfahrung eines einzelnen Soldaten ist, der es nie verwinden konnte, dass der Erste Weltkrieg nicht so ausging, wie er sich das vorgestellt hatte. Egal, ob es die Überzeugung eines einzelnen Soldaten ist, dass das Ende der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ sei. Der Kalte Krieg ist nicht zurück. Er war nie fort. Die Vergangenheit ist wieder da. Sie hat die Gegenwart nie gewollt. Wir haben geglaubt gelernt zu haben. Wir sind so unbelehrbar wie wir es immer schon waren.

 

Englisch.

 

Schwedisch.

 

Foto: (c) Die Fotografen

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