Kunst und Politik im Garten

Kunst und Politik im Garten

in Erinnerung an Erich Fried

(6. Mai 1921 bis 22. November 1988) 

 

Die Beziehung zwischen Kunst und Politik erscheint wie eine zwischenmenschliche Beziehung: sie zeigt sich in zahllosen Dimensionen. Es gibt jene, die die Kunst zu vereinnahmen versuchen, um ihre – meist menschenunwürdige – Politik zu betreiben. Dabei gehen Kunst und Politik eine Beziehung ein wie ein braver katholischer inzestuöser Familienvater mit seiner eignen Tochter, die von ihm zur Geburt von sieben künftigen Pensionszahlern gezwungen wird. Viele missbrauchte Dichter kommen bis zum heutigen Tag zu dem Schluss – wer schweigt, überlebt. Es gibt aber auch jene, die die Politik und die eigenen Beziehungen zu Politikern auszuspielen versuchen, um ihre Kunst an den meistbietenden Mann zu bringen. Dabei relativiert sich konservative Sexualmoral ganz plötzlich und wir sehen eine attraktive Dame, die ihren Stammfreier empfängt und dadurch der Wirtschaft treu ist. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns nämlich allen gut. Auch wenn es uns nicht ganz so gut geht, wie wir es uns – und nur uns alleine – wünschen.

Doch es gibt auch Künstler, deren ästhetischer Anspruch sich mit politischem Rückgrat paart, um eine sich ständig in Gefahr befindende Gesellschaft von nicht auszurottenden reaktionären Tendenzen wie einen Garten von einem Übermaß an Nacktschnecken zu befreien. Erich Fried war einer dieser Gärtner und dort, wo er fehlt, werden Pflanzen von schleimigem Ungeziefer befallen. In einem solchen garten saß ich des Öfteren während der Arbeit an meiner Dissertation über die Künstlerin und politische Aktivistin Joan Baez. Eine Frau des gleichen Denkens, Fühlens und Handelns wie Erich Fried. Besonders bei diesen Recherchearbeiten ließ ich mich von den zahlreichen politischen Geschwistern meiner Heldin im Geist, im Herz und in der Tat inspirieren und unterstützen, um meinen Schwerpunkt einer genauen Analyse der Beziehung zwischen Kunst und Politik nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei traf ich unter anderem auf Erich Fried, der uns daran erinnert: „[…] und im Schlamm verlöschen die Gesichter. Und auch diese waren manchmal Dichter […]“ (Erich Fried „Dichter in Deutschland“).

Verlöschende Gesichter wurden von Erich Fried für die Nachwelt festgehalten, um ihnen ein Gesicht zu geben und uns davor zu warnen, dass kein Gesicht vor menschenunwürdiger Politik gefeit ist. Das Ideal einer menschenwürdigen Gesellschaft für uns alle findet deshalb erst dann in kreativer Ausdruckweise beständige Zukunftsperspektive, wenn der Kunst Schaffende auch über politische Authentizität verfügt. Dies war eine der vielen Gaben Erich Frieds. Seine Biographie, sein lebenslanger Kampf gegen Resignation, seine gesellschaftskritischen Aktivitäten – all diese Dimensionen seiner Lebensgeschichte beweisen, dass er nur seiner eigenen Überzeugung folgte und nicht Auflagen im Buchhandel sondern das Aufhalten sich bis zum heutigen Tag gierig die Hände reibender Faschisten das lyrische Gebot seiner Stunde war.

Ein erfolgreiches Gedicht vermag der Leserschaft ein ganzes Universum in kompakter lyrischer Form geistig, sinnlich, sogar rational und vor allem emotional greifbar zu machen. Erich Fried vermochte sein politisches Bestreben mit seiner literarischen Arbeit zu einem ebensolchen Universum zu vereinen und in seinen Gedichten den Menschen glaubwürdig näher zu bringen. In vermissender Erinnerung an diesen seltenen Helden für uns aller Zusammenleben – auch die Kunst und die Politik – zur einzig möglichen Erkenntnis finden: erst wenn unsere Gefühle füreinander echt sind, sind auch wir selbst echt.

© Markus Jäger, 2008

erstmals veröffentlicht zum 20. Todestag des Dichters 2008

 

 

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