Lesen und Leben oder: Wir alle sind Helden

Lesen und Leben oder: Wir alle sind Helden

Noch bevor ich in die Schule kam, brachte ich mir selbst das Lesen bei, indem ich meiner älteren Schwester bei ihren Hausaufgaben über die Schulter sah. Seit damals hat das Lesen für mich eine synonyme Bedeutung wie leben. Lesend lernte ich das Leben zu erkennen, zu ergreifen und zu genießen. Mit dieser Lektion über das Lesen kam auch bald die Leidenschaft fürs Schreiben. Denn dadurch vermochte ich das Leben auch zu erzählen.

Ich erinnere mich an das Verfassen einer Kurzgeschichte 1988, ich war gerade mal zwölf Jahre alt. Damals konnte ich es kaum glauben, dass mein Deutschlehrer in der Musikhauptschule so begeistert von der Geschichte sein würde, dass er der ganzen Klasse daraus vorlas. Die Geschichte existiert leider nicht mehr. Aber meine Erinnerung an diesen Moment dafür umso klarer.

Nach meiner Lektüre der Autobiografie von Joan Baez im Sommer 1994, über die ich in der Stadtbibliothek Innsbruck stolperte (wo ich heute hauptberuflich arbeite), wurde ich in meinem pubertären Weltbild zu Boden geworfen, auf elegante Weise in das Erwachsenenleben initiiert, zu meinem Coming-out motiviert. Ganz plötzlich schickte ich mich an, die Welt zu retten. Ich begann mein Studium der Politikwissenschaft.

Meine wichtigste Lektion im Politikstudium wurde jedoch, dass ich nur die jeweilige politische Meinung des jeweiligen Professors wiederholen musste, um gute Noten zu erhalten. Da ich zum Opportunismus wenig Talent zeigte, ließ ich die Politik bald hinter mir und konzentrierte mich auf mein Studium der Anglistik und Amerikanistik. Dort blieb ich dann auch dauerhaft bei der Literatur hängen.

Als Maturant des Musikgymnasiums und neu gewonnener Fan von Joan Baez wurden Liedtexte meine ersten literarischen Gehversuche – die ich auch selbst mit der Gitarre begleitete. Man stelle sich vor: ein 17-jähriger Schüler, der grundlegend zu schüchtern für alles war, aber mit einer Gitarre in der Hand beim Referat in Englisch ein selbst geschriebenes Lied über Mahatma Gandhi vortrug. Dieses Lied existiert sogar noch.

Die Anzahl meiner Lieder wuchs beständig und schon bald verwandelten sich meine Songtexte auch in assoziative Lyrik. Im Frühling 1999 wurde eine Anthologie mit dem vielversprechenden Titel premiere 7 veröffentlicht, in der sich meine ersten publizierten Texte befinden. Die Begeisterung darüber ließ mich weitere Publikationsmöglichkeiten suchen und finden.

Mein erster Roman Der bange Traum kam noch unter dem Pseudonym Simon M. Jonas heraus. Mein Gedichtband Der Atem der Momente schon unter meinem wirklichen Namen. Beide Bücher ermöglichten mir erste Erfahrungen mit Lesungen und eigenen Programmen. Mein Gedichtband wurde außerdem für den renommierten Peter-Huchel-Preis nominiert.

Nach der Publikation meiner Doktorarbeit Popular is not enough: the political voice of Joan Baez (ein Buch, das mittlerweile von der ehrenwerten Columbia-University-Press weltweit vertrieben wird) habe ich mich vom akademischen Schreiben verabschiedet. Wobei es einige Themen gibt, für die ich eine Rückkehr ins Genre Sachbuch in Erwägung ziehen würde.

Mein aktuelles Herzensprojekt ist ein Roman, der von diversen Sachthemen geprägt ist. Zeitgeschichte, Kriegswirren, Soziale Veränderung und Flucht. LGBT-Geschichte ist ein farbenfroher Beweis für Mut und Freiheit und meine beiden Helden für ein Leben, Felix und Kilian, erleben vor dem Hintergrund dieser Geschichte das wohl schönste und wichtigste Thema der Weltliteratur: die Liebe. Womit sie eine Geschichte erzählen, die uns alle betrifft.

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