Liebe beginnt mit Loyalität

Liebe beginnt mit Loyalität

Jugendliteratur ist tendenziell immer eine Literatur über die Suche nach Identität. Egal, wie viele Zauberlehrlinge und Drachenkämpferinnen sich Zauberstab-und-Schwertschwingend durch ihre Geschichten kämpfen. Egal, wie oft das Böse auf die allübliche Weise mit dem Guten ringt. Vor allem aber sollen coming-of-age-Geschichten Jugendlichen dabei helfen, ihren Platz im Leben zu finden. Wenn wir sie schon im realen Leben als Erwachsene systematisch dran zu hindern versuchen – können sie es zumindest in und mit Geschichten versuchen.

Denn letztlich sind immer Erwachsene schuld daran, dass jungen Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung Steine vor die Füße geworfen werden. Wenn man deshalb als Teenager Geschichten über Jugendliche lesen kann, die ebenfalls um ihre Identität ringen, lernt man, dass man nicht alleine ist mit seiner Suche nach Orientierung. Im Idealfall bieten diese Geschichten auch noch den einen oder anderen Impuls, den man konstruktiv auf das eigene junge Leben zu projizieren vermag.

Der mexikanische Autor Benjamin Alire Saenz erzählt in seinem hinreißenden Roman nicht einfach nur die Geschichte einer sexuellen Orientierung. Er trägt sein Publikum nicht einfach nur auf sanften Händen durch eine Geschichte, in der ein Kampf ausgefochten wird, in dem es um das übliche emotionale Überleben der für uns alle zumeist kaum erträglichen Pubertät geht.

Der 15-jährige Aristoteles, genannt Ari, ist ein introvertierter Junge, der nicht schwimmen kann. Der lässig-kreative Dante ist ein wenig älter als er. Ein wenig beliebter. Und bringt Ari das Schwimmen bei. Große zwischenmenschliche Loyalität prägt diese Freundschaft von Anfang an. Die Sanftheit, mit der sich diese Freundschaft zu einer mitreißenden Liebesgeschichte entwickelt, hebt das Buch sehr kunstvoll unter anderen Coming-out-Geschichten weit hervor. Wir befinden uns in den 1980er Jahren, als „schwul“ noch ein Synonym für „Aids“ war. Saenz geht auf keiner Seite darauf ein. Überhaupt wischt er beim Erzählen seiner Geschichte jegliche Schubladisierung vom Tisch. Was einen Hauptgrund für Lesefreude bei der Lektüre dieses Romans ausmacht.

Der Autor zeigt einen großen Respekt für seine beiden sympathischen Protagonisten und präsentiert eine unterschwellige Lebenslust, die nicht nur jungen Menschen unglaublich guttun kann. Er erzählt Aug in Aug für sein Zielpublikum und schafft es mit außergewöhnlicher Leichtigkeit dabei auch Erwachsene zu fesseln. Die Eltern der beiden jungen Helden reagieren unterm Strich mit einer Liberalität, die streckenweise sehr fiktiv wirkt. Und genau das macht die Bedeutung dieser narrativen Entwicklung aus. So ginge es. Wenn wir unsere Kinder lieben würden.

Frei von jeglichen Regenbogen-Pride-Parade-Klischees packt er das Publikum mit einer emotionalen Authentizität, die durch eine unglaublich gut gelungene sprachliche wie auch narrative Sogkraft beständig untermauert wird. Coming out hat in erster Linie mit Identität zu tun. Nicht mit stumpfsinnigen medial aufgebauschten Illusionen. Der Kampf um Identität wird aber nicht durch die eigenen Gefühle ausgelöst. Vielmehr durch die Erwachsenenwelt, die jungen Menschen ihre Gefühle verbieten will.

Wohl vor allem deshalb, weil Erwachsene auf diese Gefühle neidisch sind.

So wie man als Autor neidisch sein könnte auf ein dermaßen fabelhaft gelungenes Buch.

 

„Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“

Thienemann, 2014

 

Weitere Informationen hier.

 

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