Schritte im Schnee

Schritte im Schnee

Es gibt Momente, da höre und spüre ich in Gedanken noch heute das Knirschen meiner Schuhe auf dem Streusand im Schneematsch, als ich den winterlichen Dorfweg Richtung Haus gehe. Ich komme von einem Spaziergang. Plötzlich sehe ich den Rettungswagen vor dem Haus. Ich beginne zu laufen. Die panische Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt und man noch nicht weiß, was genau passiert war, wird erneut zur Begegnung mit einem Gespenst. In meinem Denken bläht sich die Frage auf: Was würde mir dieser Moment gleich antun? Die Frage platzt mit der Information meiner Tante, die mir vor dem Haus aufgewühlt entgegenspringt und berichtet.

Meine von Knochenkrebs gezeichnete Großmutter, die auf ihren Krücken gerade noch ein paar Schritte zu schlurfen vermochte, war unter der Dusche gestanden. Ihre Schwiegertochter neben ihr hatte ihr beim Duschen geholfen. Als sie vorsichtig herauszutreten versucht hatte, wollte sie sich in der Hand meiner Tante abstützen. Diese hatte ihr die Hand offen hingehalten, um ihr eine Stütze zu sein, sodass sie nicht stürzte. Das sanfte Auflegen des Ellbogens hatte gereicht, um den gesamten Unterarmknochen und den Oberarm bis hinauf zur Schulter an zahllosen Stellen brechen zu lassen.

Meine Großmutter war in diesem Fluss ihres Sterbens, in diesem vier Jahre andauernden Kampf gegen den Knochenkrebs immer ein Ausbund an stoischem Glauben gewesen. Glauben an ihren Gott, an ihr Schicksal, an den Sinn hinter ihren Schmerzen. Sie hatte jede Operation und die dazugehörigen Qualen ohne Wehklagen über sich ergehen lassen. Wenn ihre Knochen von den Metastasen brüchig geworden waren, in Stücke brachen und in riskanten Operationen ausgetauscht werden mussten. Knochen für Knochen. Diesmal war der Bruch so katastrophal, dass sogar meine Großmutter weinte.

Als ich ins Haus stürme, wird sie gerade hinausgetragen. Sie sitzt auf der Trage und hält ihren Arm wie ein Kind, dessen teuerstes Spielzeug von einem großen Erwachsenen mutwillig zerstört worden war. Hier sitzt eine tiefreligiöse Frau, die sich Zeit ihres Lebens immer an alle Gebote ihrer Religion gehalten hatte. Die den Aufgaben jener Rolle, die andere ihr auferlegt hatten, immer nachgekommen war. Ehrerbietend und pflichtbewusst. Als Ehefrau. Als Mutter. Als Großmutter. Hier auf dieser Trage hat nun der letzte Akt ihres Verfalls begonnen. Der Tod lauert bereits hinter dem Vorhang. Wartet auf seinen Auftritt. Die Dosis ihres Morphiums würde in den nächsten Wochen von verzweifelten Ärzten immer weiter erhöht werden. Weil Morphium auch nur so weit geht, bis der Körper endlich sterben darf. Weil Palliativpflege immer an ihre Grenzen gelangt.

Weil jene, die in der Diskussion über Sterbehilfe einen Ausbau der Palliativpflege proklamieren, bei meiner Nachfrage: „Was genau werdet ihr ausbauen?“ immer ein laues Nichts von sich geben. Weil wir uns in ideologisch verbrämten Sinnlos-Debatten ergehen. Aus Angst vor der Wirklichkeit. Jener Realität, die zahllose Menschen unter grenzenloser Verzweiflung verenden lässt. Weil wir uns vor dieser Realität wie kleine Kinder vor der Dunkelheit fürchten. Weil allen Menschen unbenommen bleiben wird, im Falle des Falles einen Tod wie jenen meiner Großmutter sterben zu dürfen. Weil ich mir hingegen Zeit meines Lebens lautstark verbieten werde, dass andere mir die Möglichkeit eines solchen Todes aufoktroyieren wollen. Weil wir uns Zeit unseres Lebens unserer Selbstbestimmung rühmen. Weil diese Selbstbestimmung uns von reaktionären Eliten gestohlen werden soll. Eliten, die mir gestohlen bleiben können.

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