Über die Homosexualität der Weltgeschichte

Über die Homosexualität der Weltgeschichte

„Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.“ (Levitikus 20, 13)

Wichtigster Antrieb intellektueller Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Streben nach Wahrheit. Wissenschaftler, die sich nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen, sind zumeist weltanschauliche Bauernfänger. Authentische Forschung sucht Wahrheit dort, wo das Leben zu finden ist und nicht dort, wo Ideologien wie schlecht gemischter Brotteig geknetet werden, der im Kellerdunst nicht enden wollender Tötungsfantasien vergammelt.

Dem biblischen Befehl „Beide werden mit dem Tod bestraft!“ wurde von Seiten patriarchaler Religionen und ihrer politischen Geschwüre im Laufe der Jahrhunderte homosexueller Geschichte nur allzu lustvoll nachgegangen. Der bei kirchlich angeordneten Folterungen ausgelebte Sadismus trug die kollektiv unterdrückte Sexualität voller Stolz durch das Mittelalter und ließ sich erst durch die Aufklärung mühselig von einer unbestreitbaren Tatsache überzeugen: das hehre Gebot „Du sollst nicht töten!“ wirkt durch die ausgelebte Lust am Töten vielleicht doch ein wenig unglaubwürdig.

Geschichtliche Glaubwürdigkeit hingegen ist das Bestreben von Professor Robert Aldrich in seinem Buch „Gay Lives. Lebensgeschichten“ (Köln: DuMont, 2012), das schon im Titel und Untertitel zeigt: hier geht es um authentische Forschung. Denn hier geht es um das Leben. Schwules und lesbisches Leben zieht sich in diesem wunderbaren Buch nicht zurück in Nischen bzw. unter den oft zitierten Stein, der bis zum heutigen Tag in so vielen Ländern noch immer gern zum Wurfgeschoss verwandelt wird. Metaphorisch, in unrhythmischen und unwürdigen Gesetzestänzen, wenn sich Recht und Pflicht gegenseitig auf die Zehen steigen. „Sie sollen zwar die gleichen Pflichten erfüllen, aber nicht die gleichen Rechte erhalten!“ Oder wörtlich. Als Wunden schlagende Steine. Die immer wieder gern geworfen werden. Mit der schon erwähnten Lust am Töten.

Die exzellent argumentierte Hauptthese, dass Schwule und Lesben wie alle anderen auch zur Weltgeschichte gehören, wird in angenehmer Sprache bewiesen. Die 80 Biografien werden kompakt und verständlich erzählt und sanft in den Kontext der jeweiligen Epoche gesetzt, nicht ohne die Universalität der Hauptthese aus den Augen zu verlieren. Schon in der Einleitung erläutert Professor Aldrich den wichtigsten methodologischen Ansatz, um dabei zu geschichtlicher Glaubwürdigkeit zu finden.

„Die hier vorgestellten Lebensentwürfe offenbaren eine große Bandbreite individueller und gesellschaftlicher Einstellungen zur „Homosexualität“ […] Sexuelle Orientierung hat hier einen gleichermaßen emotionalen wie physischen Aspekt – es geht um das Maß intimer Verbundenheit, nicht nur den Geschlechtsverkehr, es geht um Liebe, ebenso wie um Begierde“ (Aldrich, 11-12).

Liebe und Begehren im gleichgeschlechtlichen Kontext begann nicht als Begriffsgeburt der „Homosexualität“ im 19. Jahrhundert. Wenn in der Ikonografie aus dem Ägypten des 25. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung etwa zwei Männer gezeigt werden, wie sie sich mit einer selbst für Historiker überraschenden Intimität tief in die Augen schauen, werden erste Fragen nach der Natur ihrer Beziehung laut. Nianchchnum und Chnumhotep waren vielleicht Brüder. Die Forschung ist sich uneinig. Vielleicht waren sie auch einfach nur ein Liebespaar, das ihre Beziehung im Leben nach dem Tod weiterführen wollte. Deshalb wurden sie an den Wänden ihres gemeinsamen Grabes in so vertrauensvoller Harmonie dargestellt, wie es sich für Brüder nie gehört hätte. Wir können und müssen es nicht wissen. Aber wir stellen fest: die Frage „Ist er oder ist er nicht?“ ist bei weitem älter als wir glauben.

Die Forschung über gleichgeschlechtliche Liebe in der griechischen Antike könnte ganze Bibliotheken füllen und über Jahrhunderte hinweg wurde die Frage diskutiert: hat die viel zitierte „griechische Liebe“ nun einzig mit platonischem Edelmut zu tun oder inkludierte sie bereits zu Zeiten der philosophischen Gründerväter Europas genauso sehr das nur allzu natürliche Begehren?

Die im Diskurs häufig vernachlässigte lesbische Liebe kulminiert in so gut wie jeder Analyse in der historischen Person der Sappho, deren Leidenschaft für Frauen selbst eine sprachliche Verwurzelung in der Weltgeschichte erfuhr. Die Bewohner ihrer Heimatinsel Lesbos haben im Jahr 2008 ein erfolgloses Gerichtsverfahren angestrengt „[…] mit dem sie dafür sorgen wollten, dass der Terminus ‚lesbisch‘ nur auf Inselbewohner angewendet würde, nicht auf Frauen, die Frauen lieben“ (Aldrich, 23). Mehr als zweieinhalb Tausend Jahre nach dem Leben der Vorreiterin und viele Jahrhunderte nach der Erfindung der Katholischen Kirche hat sich der Rand der Gesellschaft in die Mitte vorgekämpft. Bis in den Alltagsgebrauch der Weltsprachen.

Auch die zehn Portraits der Liebespaare aus den Jahrhunderten des kirchlich dominierten Mittelalters bis hin zu den Befreiungsschlägen der Aufklärung beweisen ganz klar, dass Liebe und Begehren sich auch durch die furchtbarsten Grässlichkeiten, die etwa im Namen der oft zitierten und verlogenen „Nächstenliebe“ an Menschen verbrochen wurden, nicht aus der Weltgeschichte drängen ließen.

Ob nun die dichterischen Gründerväter moderner schwul-lesbischer Kultur oder die charismatischen Dandys der Belle Époque, ob in den Vereinigten Staaten von Amerika oder im revolutionären Russland – Männer liebten Männer, Frauen liebten Frauen. Schon immer.

Wenn im sechsten Kapitel von den Verwicklungen von Sex und Politik die Rede ist, dann gilt es vor allem die Beziehung von Lilly Wust und Felice Schragenheim hervorzuheben. Der Nationalsozialismus und der dazugehörige Völkermord an den europäischen Juden hinderten nicht zwei Frauen – eine Jüdin und eine im nazi-freundlichen Kleinbürgertum verheiratete vierfache Mutter mit Mutterkreuz – sich zu lieben. Felice Schragenheim sollte den Schergen der Nazis letztlich nicht entkommen, ihre Liebesbeziehung zu Lilly Wust hat in Buchform und in publikumsträchtiger Verfilmung dennoch schon Jahrzehnte überdauert. Eine ähnlich faszinierende Geschichte wie die der beiden lesbischen Widerstandskämpferinnen Claude Cahun und Eugénie Malherbe, Fotografin und Kunststudentin, deren Todesurteil 1944 nur durch Zufall nicht vollstreckt worden war. Diese Liebe hatte Glück im Unglück.

Professor Aldrich widmet sich mit Hingabe den Erfüllungen all dieser Liebesgeschichten und setzt sie mit leichter Hand in den jeweiligen historischen Zusammenhang. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern gestaltet übersichtliche Themenblöcke. Er umarmt alle nur erdenklichen Kulturen, Künste, Politiken, Religionen und argumentiert mich eloquenter Lässigkeit. Besonders die Religionen, deren jahrhundertelanges Bestreben es war gleichgeschlechtliche Liebende in jeder nur erdenklichen Form zu zerstören, verdienen einen ausgiebigen Fokus im Zusammenhang mit dem Thema dieses Buches. In den Worten von Professor Aldrich:

„[…] Trotz ihrer Verdammung der Homosexualität offerierte das Christentum die Tröstungen modellhafter Freundschaften zwischen Heiligen, die Liebe Christi zu seinen Jüngern und die mitunter sexuell aufgeladene Bildsprache der Helden und Märtyrer des Glaubens. […] Die obsessive Beziehung der Kirche zur Sexualität mag zur Erklärung dienen, warum die Vorstellung erotischer Gefühle innerhalb der Geistlichkeit für solches Unbehagen sorgt […]“ (Aldrich, 221).

Es ist fundierte Forschung wie die Arbeit von Professor Aldrich, methodologisch und sprachlich mit ausnehmender Lebensfreude umgesetzt, die das wohl beste Argument gegen ein solches heuchlerisches Unbehagen bietet. All die berühmten und weniger berühmten Liebespaare, die in diesem Buch porträtiert werden, zeigen, dass die Verdammung gleichgeschlechtlicher Liebe weniger universell ist, wie so manch Kleingeister uns dies noch immer glauben machen wollen. Gesellschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, politische Geschichte, Religionsgeschichte und alle anderen Facetten der Weltgeschichte wurden und werden von gleichgeschlechtlich liebenden Männern und Frauen genau so sehr getragen wie von allen anderen auch. Die Unbestreitbarkeit dieser These ist das Verdienst des Autors. Dadurch wird „Gay Lives. Lebensgeschichten“ zur Pflichtlektüre nicht nur für Historikerinnen und Historiker, nicht nur für Schwule und Lesben – sondern für alle, die schon einmal geliebt haben.

 

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