Überholmanöver

Überholmanöver

Das VfGH Urteil vom 11. Dezember 2020 zur künftigen Entkriminalisierung des assistierten Suizids in Österreich ist ein großer Sieg der Würde. Der politische Katholizismus in diesem Land versucht sich in all seiner reaktionären Verbohrtheit wieder und wieder über die Würde der Menschen zu stellen und hat nun einmal mehr eine verfassungsrechtliche Zurechtweisung erhalten. Noch ist nicht klar, ob und wie das ideologische Kleinkind des politischen Katholizismus in Österreich diese Zurechtweisung hinnehmen wird. Klar wird aber einmal mehr, dass für mich die Tatsache meines Todes nur dann zum Tabu wird, wenn sich jemand an meinem Sterbebett aufplustert und mir arrogant kundtut: „Wie und wie lange du beim Sterben zu leiden hast, befehlen wir dir!“ Diese Überzeugung wird alt. So alt, dass die Gegenwart die Vergangenheit doch endlich langsam überholt.

Ich denke an die Knochen meiner Großmutter, die im Zuge ihrer Knochenkrebserkrankung unter unerträglichen Schmerzen Schritt für Schritt zerfielen. Knochen für Knochen. Operation für Operation. Jahr für Jahr. Ich denke an meinen Onkel, dessen Diagnose Multiples Myelom ihn auf ein Sterbebett führte, auf dem er gerade noch 35 Kilo wog und mit eingefallenen Wangen und todtraurigen Augen um Erlösung flehend raunte. Sprechen konnte er nicht mehr. Ich denke an die zahllosen anderen Tragödien, die vom politischen Katholizismus wieder und wieder ignoriert werden, um die Tatsache zu verdrängen, dass die Selbstbestimmung der Menschen vielleicht über Jahrhunderte malträtiert werden kann. Aber nicht auf ewig. Denn die Ewigkeit der Kirche hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Schon seit ewig.

 

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