Was Heimat bedeutet – Julya Rabinowich ist Madina ist „Dazwischen: ich“

Was Heimat bedeutet – Julya Rabinowich ist Madina ist „Dazwischen: ich“

„Ich will lieber etwas Schönes schreiben. Etwas, das ich mag. Zum Beispiel mein langes Haar. Um das haben mich schon viele beneidet, auch früher Zuhause.“

 

Zwischen diesen Zeilen schwingt nicht nur der Widerstand einer mitreißenden jugendlichen Heldin, sondern auch jener Motivation, die aktuell einem ganzen Kontinent zu fehlen scheint: dem Willen auch das Schöne zu sehen. Ihr Zuhause hat die 15-jährige Madina verloren. Und doch will sie über etwas Schönes schreiben. Eine Fähigkeit, die ihre Haare am Ende der Geschichte zu einer Metapher der Freiheit werden lässt. Julya Rabinowich erzählt in ihrem ersten Jugendroman eine Fluchtgeschichte, die dem dahinter liegenden Grauen glaubwürdig Respekt zollt und dennoch tief in den narrativen Schnee wühlt, um die Erde zu finden, die fruchtbar darunter liegt.

 

Madina und ihre Familie mussten fliehen. Sie stranden mit anderen Geflüchteten in einem sicheren Land. Madina geht zur Schule und denkt und fühlt wie ein universeller Teenager. Und doch inspiriert dieses Mädchen mit einem mutmachenden Überlebensgeist, der die Lächerlichkeit nationaler Grenzen wie Butter in der Pfanne zu schmelzen vermag. Ausgrenzungen, Behördenschikanen und alle nur erdenklichen Auswüchse von Xenophobie vermögen Madina nicht unterzukriegen. Vor allem aber findet sie in Laura eine Freundin, die ihr mit ihrer Freundschaft zeigt, dass Heimat von nationalen Grenzen gänzlich unabhängig ist.

 

Was diese Geschichte vor allem auszeichnet, ist eine Ich-Perspektive, deren warmherzige Sprache für genau jene Empathie zu sorgen vermag, die so vielen rechtskonservativen Angstschreiern fehlt. Ohne irgendwelche ideologischen Beschönigungen sucht die Autorin in ihrer Geschichte nach einer Menschlichkeit, die in unserer zutiefst von Unmenschlichkeit geprägten Gesellschaft verschüttet scheint. Und findet sie. Ein ganz hervorragend geschriebener Roman, dem man neben dem jugendlichen Zielpublikum vor allem auch ganz viele erwachsene Leser wünscht. Ein Buch, das meines Erachtens unbedingt zu hochrangiger Schullektüre erkoren werden sollte.

 

„Es fühlt sich nach Zukunft an hier. In dieser Sprache. In diesem Haus. An diesem Ort. Ich habe eine Zukunft hier.“

 

Dazwischen: Ich

 

Hanser, 2016

 

Weitere Informationen hier.

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