Was ihr wollt oder: was ein Kanzler nicht wollte

Was ihr wollt oder: was ein Kanzler nicht wollte

2019 wurde in Österreich aufgrund des jahrzehntelangen Engagements der österreichischen LGBTIQ*-Bewegung die Ehe für Alle erkämpft. Allerdings gegen den Willen des gesegneten Bundeskanzlers und derzeitigen Koalitionspartners der Grünen in der neuen Regierung Österreichs. Wer nicht versteht bzw. nicht verstehen will, was für ein Kampf diesem Etappensieg voranging, weigert sich Freiheit verstehen zu wollen.

„Jetzt habt ihr doch alles, was ihr wollt!“

Abgesehen von der Tatsache, dass diese Feststellung nicht der Wirklichkeit entspricht, fehlt ihr vor allem eines: Freude. Weil dieser Satz primär einen Vorwurf artikuliert. Und die Frage warum wir noch immer so laut sein müssen. Wo doch jetzt alles gut sei. Der große Tadel hallt als ewiges Echo von den Bergen. Was hingegen die Genialität dieses Vorwurfs so perfide macht, ist die Tatsache, dass er mit Erreichtem argumentiert wird.

Nur haben jene, die ihn tätigen, zumeist nichts davon erreicht. Sie haben nichts dafür getan. Sie haben, wenn überhaupt, nur dafür gesorgt, dass jahrzehntelang gekämpft werden musste. Und dass dieser Kampf auch heute noch notwendig ist. Nichtsdestotrotz wagen sie es immer noch, uns das Gefühl vermitteln zu wollen, dass wir es sind, die sich schuldig fühlen müssten. Weil WIR doch jetzt hätten, was wir wollten. Aufgrund ihrer großen Huld.

Wer die Tatsache ignoriert, dass das Regierungsprogramm der neuen Regierung u. a. die Diskriminierung von Homosexuellen außerhalb des Arbeitsplatzes auch weiterhin ermöglicht, oder gesetzeswidrige Weisungen der Vorgängerreigerung in Sachen Geschlechtseintrag beibehält, ja sogar verteidigt, dem ist die Macht wichtiger als die Würde aller Menschen. Wer den Preis der Diskriminierung der einen bezahlt, um die Macht über alle zu erlangen, wird die anderen nicht davon überzeugen, dass ihm an einem Ende der Diskriminierung gelegen sei.

Ein Verständnis über diese Realität wäre – zumindest für den Anfang – alles, was ich will.

 

Zuerst erschienen in:

rainbow UNITED (hosi tirol)

Das Queere Magazin für Les-Bi-Schwul-Trans* & Inter*

Kolumne

Jägers Queer-Schüsse

Ausgabe 20/21

Jahres-Sonderausgabe

 

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