Wie die Sonne aussieht

Wie die Sonne aussieht

(in Erinnerung an Matthew Shepard)

 

Das Makeup allzu menschlicher Selbstverleugnung wird oft dick aufgetragen. Denn als Clown lebt es sich leichter. Zumeist als trauriger Pierrot. Das eigene Gesicht darf niemand sehen. Also gilt es zu schauspielern. Das ganze Leben wird zur Show. Die Show muss weitergehen. Der Vorhang hebt sich. Wenn ich gut bin, bekomme ich Applaus. Und diese Vorstellung dauert an.

Auf ewig?

Ich bin auf einer Bühne und flüchte mich in eine Rolle, die ohne Fragen auskommt. Wie werden meine Eltern mit mir umgehen? Wenn all ihre Vorstellungen für mich nicht nur Vorstellungen, sondern vor allem IHRE Vorstellungen bleiben? Wie wird die Verwandtschaft mit mir umgehen? Wie werden sie mit meinen Eltern umgehen? Wie reagiert mein Freundeskreis auf die Tatsache, dass mein Dasein ganz plötzlich in die unterste verstaubte Schublade gestopft werden soll? Eine Schublade, die andere errichten, die andere versperren, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint?

Auch in meinem Fall hat es ein wenig gedauert, bis ich mir den Kleister vom Gesicht zu wischen vermochte. Doch letztlich bin ich ungern Clown. Und eigentlich habe ich Lampenfieber. Der Applaus interessiert mich nicht. Das Publikum ist mir scheißegal. Mein Leben spielt sich nämlich nicht auf einer Bühne ab!

Und so kam es, wie es kommen musste. Es wurde nicht nur besser. Es wurde super! Und den Superlativ erlaube ich mir in diesem Zusammenhang ausnahmsweise ohne schlechtes Gewissen zu verwenden, denn in meiner Generation als schwuler Mann im ÖVP dominierten Tirol zu einer selbstbewussten Identität zu finden, ist in der Tat keine schlechte Leistung. Der mit Auszeichnung geschafften Meisterprüfung in Verdrängung folgten Erfahrungen, die ich anfangs nicht einordnen konnte, die mir aber immer wichtiger wurden. Die ich heute nicht mehr missen möchte.

Die vor Selbstekel triefenden Lefzen verbockter und verbohrter Söhne und Töchter aus Biertischphilosophenhaushalten am Schulhof, als der schlimmste Ausruf „Du Schwuchtel!“ über ein erträgliches oder unerträgliches Dasein im „Klassenkampf“ entschied. Die Schuldgefühle allen anderen gegenüber, als das Erkennen des eigenen Körpers zu einem über die Ufer tretenden Fluss der Enttäuschung anwuchs. Weil das eigene Ertrinken in diesem Fluss niemals das Problem sein durfte. Irgendwie würde man schon schwimmen. Als man so sehr damit beschäftigt war zu strampeln, während man erst langsam begriff, dass die Moralansprüche der anderen nur eine kleine Drecklache waren, über die man mit leichten Schritten hinweg zu springen vermochte.

Die Cousine, die einen Mann in deinem Alter geheiratet hat, der „Weißt eh, er ist halt so, unterm Hitler hätt es die Schwuchteln nicht gegeben!“ Der Weinkrampf, dass man sich solche Sorgen um dich wegen „diesem AIDS“ mache. Egal wie unberührt man damals eigentlich noch war. Die in der gut versperrten Schublade versteckten Erfahrungen, die „Sündenfälle“, die noch gezählt wurden. Und die das Schuldgefühl anwuchsen ließen, bis kein Platz mehr in der Schublade war. Und die Medienberichte über den ermordeten Studenten, der wegen seiner Homosexualität blutend an einen Zaun gehängt wurde. Eine Vogelscheuche, die der Welt kundtun sollte: das machen wir mit Euch!

Und die engste Freundin, die ganz plötzlich eine Frage stellt.

Zufällig.

Und auch wieder nicht.

Denn: „Dann bist du also schwul – wo liegt das Problem?“

Die Fragen, die sich langsam an die Bühnenfront drängten. Ja, wo liegt es eigentlich genau? Dieses mysteriöse Problem? Das immer nur die anderen haben. Was ist wirklich so anders für Männer, die sich in Männer verlieben und Frauen, die sich in Frauen verlieben? Das Stocken im eigenen melodramatisch dargebotenen Monolog. Mit der Hand am Herzen. Am gebrochenen Herzen, als die unerwiderten Gefühle plötzlich einen Mantel des Vergessens über die bisherigen Erfahrungen legten. Als das Herz so stark aufloderte, dass man bei all dem allzu menschlichen Unglück fast schon wieder froh darüber war sein Herz so stark zu spüren.

Und eine Begegnung, die man nicht erwartet hatte. Und die Vorfreude auf den Abend mit dem Liebsten. Und das gemeinsame Lächeln beim Frühstück im Bett. Als der Arm um deine Schultern bewies: nein, sie haben nicht gewonnen! Und die große Party, die nicht im dunklen Kämmerchen einer versteckten Schwulenbar stattfand. Wo man in trauter Zweisamkeit ganz plötzlich nicht mehr Teil einer Minderheit war, sondern nur ein Freund unter vielen. Ein glücklicher Freund. Wo alle fröhlich waren, weil Freundschaft fröhlich macht. Egal, wer sich grad in wen verliebt.

Und die Onkel und Tanten, die indessen in ihrem „Leben, wie es sich gehört!“ in alle möglichen Scheidungsabgründe sprangen. Und die „braven Familien“, die sich eine nach der anderen in Messerattacken und Schusswechseln auslöschten. Und der Großvater, der „es halt nie verstanden hätte.“ Der schon allein deshalb immer Streit suchte, weil „diese Vegetarier nie und nimmer gesund sein konnten!“ Als er nichtsdestotrotz – wie übrigens jeder Mensch – starb. Seine billige bis kostenlose Ausrede, dass „er halt so aufgewachsen war“, hatte sein Leben nicht verlängert. Auch wenn viele Menschen glauben: wenn ich nur möglichst verbittert in die Welt hinaus schimpfe, dann werde ich bestimmt länger und besser leben. Vor allem aber die Unterschrift unter den offiziellen Austritt aus der Katholischen Kirche.

Ihr wollt mich nicht – ich brauch euch nicht!

Durch all diese – mal besser mal schlechter gespielten – Szenen näherte sich das Ende der Vorstellung. Ein Stück ist nur gut, wenn es auch ein Ende hat. Erst dadurch wird es zum Stück. Und ob das Publikum sich gut unterhalten hat, ist letztlich egal. Denn ihr Ticket haben sie schon bezahlt. Durch ihre Verbohrtheit. Ihre Kirche. Ihre hasserfüllten politischen Parteien. Und vor allem: durch ihre Flucht ins Theater. Wo sie auf ewig ausharren. Vielleicht kommt nämlich irgendwann einmal ein Stück, das endlich ihren Erwartungen entspräche. Sie rühren sich nicht von ihren Sesseln. Denn nur sie wissen, was wahre Kunst ist.

So glauben sie zumindest.

Und wir tauchen einstweilen genüsslich ins Leben. Draußen in der wahren Welt. Denn das Leben ist um vieles schöner, als es uns eingebläut wurde. Die Ängste bleiben in den abgewetzten Sitzreihen vor der knarrenden und stickigen Bühne. Bei all den hasserfüllten Gläubigen, die ständig nur Publikum sein wollen.

Sonst nichts.

Die wir verlassen haben, um zu leben.

Und nicht länger nur zu spielen.

Für all jene, die nicht wollen, dass wir leben. Während sie schon lange nicht mehr wissen, wie die Sonne aussieht.

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